»Seit Amor sich hat verwundet
Mit seinem eigenen Pfeil,
Reist er in olympische Bäder
Zu suchen dort sein Heil.
Er hat ein krankes Herze,
Seit Psyche ihm entfloh,
Nicht mag er mehr regieren,
Wird nicht des Lebens froh.
Nun aber treibt auf Erden
Viel wüsten Spuk und Graus
Ein täppischer Geselle,
Giebt sich als Amor aus.
Er ist gemeiner Herkunft
Und widrig von Gestalt,
Verliebt und ganz vertrunken,
Mit kahlem Haupt und alt.
Und fahl sind seine Wangen,
Und frech der blöde Blick.
Betäubend ist sein Treiben,
Doch bringt er Keinem Glück.
Die Väter täuscht er Alle,
Sie freut der glatte Wicht,
Die Mütter aber seufzen:
»Das ist der Amor nicht!«
Sie knieen nieder und beten:
»O Göttin im Himmelsrund,
Gieb Deinen Sohn uns wieder
Und mach' ihn wieder gesund.«

Ja, das wäre was, wenn nochmals das alte Reckengeschlecht aufstände, mit ehrlicher Liebe, mit ehrlicher Leidenschaft, mit der Würde, die Ehrlichkeit im Handel und Wandel verleiht, durch die allein das Weib vor dem Manne beschützt werden kann. Von dem Manne beschützt zu werden, hat sie längst aufgegeben und auch nicht mehr nöthig: unser Jahrhundert ist anders geworden, der schlafende Riese hat sich geregt. Aber – wenn sie nochmals käme, die goldene Zeit, die Männer erstehen ließe – so wäre gelöst, die Frauenfrage, in der

Männerfrage.


Druck von G. Reusche, Leipzig.

Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrt, Antiqua, fett.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite [5]:
"ihr" geändert in "ihre"
(Er giebt vor, ihre Psyche zu belauschen)

Seite [7]:
"erhobenenen" geändert in "erhobenen"
(vor ihm kniet das Weib mit erhobenen Händen)