Kurt.«

Gertrud warf sich schluchzend über ihr Bett. Sie fühlte sich wieder ganz unter der Zuchtrute der vergangenen sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen, die sie schüchtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte, verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine grauen Flügel um sie.

»Was tue ich nur, was tue ich nur?« fragte sie sich immerzu. »Wer hilft mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans!«

In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, daß Hans Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen würde, ohne daß sie ihn rief. Und da rang sie sich zuletzt den Entschluß ab, ihm ein Wort zu schreiben.

Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wußte sich keinen anderen Rat, und sie fürchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf.

»Er hat mich ja lieb, und er kommt gewiß gleich,« dachte sie. Und sie schrieb unter strömenden Tränen in ihrer hübschen, korrekten Schulmädchenhandschrift:

»Lieber Freund, ich bin in großer Herzensangst. Und da Maggie mir gesagt hat, daß Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben, bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich bin so verlassen, und Sie sind der einzige, an den ich mich wenden kann. Mit vielen Grüßen Ihre Gertrud Kurowski.«

Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf. Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann wäre alles gut, er würde kommen und ihr sagen, was sie tun müßte.

Sie ruhte aus in dem Gedanken, – aber ihre Kinder anzusehen wagte sie nicht mehr.

Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie flüchtig herumstichelte, setzte sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg übersehen konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zurück waren, sollte ihr Bote, der älteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war eingefallen, daß der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den Wald treffen und anhalten möchten. Sie sagte dem Stubenmädchen also Bescheid, ließ sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen einzuschärfen. »Es handelt sich um eine Geschäftssache,« erklärte sie verlegen dem Mädchen und dem Burschen, und fand das sehr überlegt von sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: »Solche kleinen Winkelzüge werde ich nun wohl öfters machen müssen ...«