Der Oberförster überlegte, die Brauen schief ziehend, eine Weile, dann faßte er das Telegramm ab, in dem er seinen Schwiegersohn wegen plötzlicher Erkrankung Gertruds heimrief.

Gertrud wurde aber gar nicht krank. Sie stand am nächsten Morgen auf und setzte sich ans Fenster, wie gestern. In ihr war eine große, stumpfe Ruhe. Lähmend hatte es sich auf ihr Denken gelegt. Das bißchen Lebensenergie, das vor kurzem in ihr erwacht war, überspann sich mit einer ihr bisher unbekannten Gefühllosigkeit, und um sie herum wogte es in gleichmäßigem, brandungsartigen Rauschen, als wollte es sie einwiegen.

»Ich habe zuviel aushalten müssen,« dachte sie ab und zu, »und dies ist wohl der Rückschlag.«

Nur den Weg, von dem gestern das Romitter Fuhrwerk gekommen war, behielt sie unbewußt immer im Auge. Wenn ein Wagen aus dieser Richtung vorbeifuhr, richtete sie sich auf und sah ihm nach, um sich dann wieder seufzend in ihren Lehnstuhl zurückzukauern und weiterzudämmern.

So verging der Vormittag. Der Arzt kam. Sie antwortete auf alle seine Fragen ganz vernünftig, erklärte sehr müde zu sein und niemand sehen zu wollen.

Doktor Hahn, der sie von klein auf kannte und liebhatte, sprach von starker Blutarmut und schwerer Nervenüberreizung und erkundigte sich nach etwaigen Gemütsbewegungen.

Der Oberförster, der innerlich seiner Gewohnheit nach jede Verantwortlichkeit von sich abwies, schimpfte auf Kurowski und verschonte auch Maggie mit Vorwürfen nicht. Der Arzt schüttelte den Kopf, gab Schlafmittel, empfahl äußerste Ruhe und versprach wiederzukommen.

Maggie ging blaß und finster herum. Sie dachte, wenn man Seckersdorf benachrichtigte und zu Gertrud führte, würde diese sicherlich gesund sein. Statt seiner kam jetzt Kurt. Was würde nun geschehen?

Gertrud würde einfach zugrunde gehen. Durch ihre, der Schwester Schuld. War sie stark genug, das zu tragen? Ihre Gedanken irrten zu den Herrschern, die über Leben und Tod von Verurteilten zu entscheiden haben, und sie schauerte zusammen. Sie hatte Momente, in denen sie sich ebenso gebrochen fühlte, wie Gertrud da oben. Sie litt unter dem Zuviel an Energie, wie jene an dem Mangel, und keine von ihnen fand irgendwo einen Halt; auch die fromme Gertrud nicht, die nach Kindergewohnheit doch noch morgens und abends betete.

In einem Augenblick besonders starker Gewissensangst, in dem sie ihre ganze Heiratsidee verwünschte, setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb ein paar Zeilen nach Romitten, in denen sie den »Freund« bat, Gertruds wegen herüberzukommen. Dann nahm sie das Kursbuch in die Hand und rechnete aus, wann Kurt eintreffen könne. Darüber versäumte sie, den Brief abzuschicken. Aber dennoch war ihr, als könnte sie nun Gertrud leichter in die Augen sehen, und sie ging hinein.