»Meine gnädige Frau, unser Zusammentreffen hat mir die allerletzte Illusion genommen, daß es einen Menschen auf dieser Welt gibt, mit dem gemeinsam ich eine gleich schwere Last trage. Im Grunde müßte ich in Ihrem Interesse wohl froh darüber sein ... Leben Sie wohl. Hoffentlich tauche ich mit der Vergangenheit in die Verdunklung zurück, die Ihnen das Leben so leicht gemacht hat.«
Frau von Betzwold streckte ihm die Hand entgegen. »Das sicherlich nicht. Ich will an das Liebe und Schöne denken, das unsere Jugend uns beschert hat und ...!«
Doktor Ender beugte sich fremd über die gebotene Hand, und mit bitterem Lächeln um den zusammengekniffenen Mund ging er hinaus, ohne noch einmal in das Gesicht zu sehen, das ihm doch einst das liebste gewesen war.
Die Geheimrätin blieb noch einen Augenblick in ihrem Erker. Anfangs als sie sich wieder allein sah, hatte sie das Gefühl, die letzte Viertelstunde geträumt zu haben.
Dann schäumte ein wildes Durcheinander von Stimmen, Bildern, Ängsten, – ein beklemmendes Entsetzen in ihr auf, peitschte ihr Blut und ließ ihr Herz jagen ... Was war das? Wie hatte sie das erleben können? ... Wie durfte sie das erleben? ... Dieser arme Phantast, – was war aus dem lachenden Jungen geworden? Jetzt waren ihre Zwillinge so alt wie er damals.
Dieser Gedanke riß sie wieder in die gewohnte Bahn.
Nicht mehr diesen verschollenen Geschichten nachhängen, nicht mehr daran denken – nie mehr. Das war man sich und dem Leben mit seinen großen und kleinen Anforderungen als pflichttreue Gattin, Mutter und Frau von Welt schuldig ...
Heute abend machte man Kammermusik bei ihr. Brahms H-Moll. Ihr Gatte war ein vorzüglicher Cellist – ihre Tochter Eva fast Meisterin auf der Geige.
O, es tat gut, in diese Welt der Harmonie zurückzukehren, die vor schreienden und klagenden Stimmen, vor schuldvollen Erinnerungen, vor begrabenen Jugendsehnsüchten und Ängsten ihre klingenden Tore schloß.