Der alte Sandsteinheilige stand auf dem Hügel und breitete über das lachende, sonnengebadete Tal segnend seine Armstümpfe. Die Hände waren ihm nämlich in Wirklichkeit vor Jahrhunderten gerade an diesem Fleck abgehauen worden, ehe man ihn erschlug. Daß er nun schon lange in steinernem Bilde seinen Segen gerade von dem Ort her spendete, der sein Blut getrunken hatte, schien dem blühenden Lande, wie es da vor und unter ihm lag, wohl zugute zu kommen.
Es war, als ob es alle Sonne auffinge. Die gelben Ährenfelder leuchteten, die harzigen Spitzen der jungen Fichtenpflanzungen funkelten wie kostbare Steine, das Wässerchen, das sich durch die saftgrünen Wiesen wand, glitzerte und sprühte mit blausilbernen Funken – kurz, es war ein Lachen und Leuchten in dem ganzen Gesichtsfeld des heiligen Mannes, das ihm wohl gefallen konnte. Dafür sah es hinter seinem Rücken ganz anders aus. Da führte ein schmaler Weg in einen mächtigen, düsteren Wald. An dem schien die Sonne abzuprallen. Seine uralten Buchen wehrten sich gegen die heiße Flut, die draußen das Tal überströmte, und nur ärmliche, grüngoldene Wellchen zitterten über den Weg, der, langsam ansteigend, sich in grüner Dämmerung verlor.
Am Eingang dieses Weges stand eben eine einsame Frau, die aus einem der großen Sanatorien des Badeortes drüben hierhergekommen und im Vorübergehen mit dem alten Steinbild und all der goldenen Lebendigkeit ringsherum gut Freund geworden war.
Sie stand auch noch ein Weilchen da und sah mit den stillen Augen, aus denen das Leben Lachen und Weinen herausgeholt hatte, voller Verwunderung über so viel Glanz und Fülle um sich. Zu ihren Füßen standen Blumen in unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit.
Als ob sie einen Teil der Sommerschönheit für sich bergen wolle, bückte sie sich trotz ihres kranken Herzens, dem, wie sie wohl wußte, hastige Bewegungen verderblich werden konnten, und fing an, eifrig davon zu pflücken ... Rote Kuckucksnelken und tiefblaue Glockenblumen, weißglänzende Schafgarben, Wicken, Windengeranke, den gelben Steinbrech, der so stark und schwül duftet, und mancherlei anderes buntes und liebliches Sommergewächs.
Ehe sie sich dessen versah, hatte sie einen ganzen Armvoll. Und den Kopf mit dem schon silbern schimmernden Haar hineingedrückt, schlug sie nun in Gedanken den düsteren Waldweg ein.
Kühle und Dämmerung unter den hohen Bäumen strichen wie liebkosende Hände über ihren heißen Leib. Ein paar blasse, huschende Lichter tauchten in dem dunkeln Laub auf oder kletterten zitternd an den Stämmen empor. Ein Specht pochte in der Ferne, sonst war alles still ... Die Wirklichkeit schien in dem Sonnental geblieben. Hier im Schatten standen die Träume auf ...
Zuerst ging die Frau mit dem Arm voller Blumen weiter und weiter, unbewußt sich ihres Alleinseins freuend, ohne um sich zu hören und zu sehen. Allmählich aber sprangen aus dem Walddunkel Töne und Worte über sie her, ohne Zusammenhang – hier eines und dort eines, und plötzlich war es ein altes Studentenlied, das ihr in den Sinn kam.
Vor vielen Jahren hatte sie es von einem gehört, der schon lange tot war und der ihr auch eine Geschichte dazu erzählt hatte, die sie nicht mehr wußte. Aber die Worte waren nun da, und sie summte sie vor sich hin, im Takt danach schreitend:
Wo seid ihr