»Wenn ich Kinder hätte,« seufzte sie, »dann ginge ich mit in die Zukunft und brauchte meine Seele nicht an die Vergangenheit zu haken.«
»Du wolltest ja keine. Was überhaupt wolltest du je mit dem starken Willen, der schon Tat ist?«
»Bist du wiedergekommen, um mich zu quälen? Glaubst du, ich weiß nicht, daß ich mich verirrt habe? Zu den Höhen wollte ich ...«
»Und bist in die fruchtbaren Niederungen der guten Diners gekommen, aus denen Rangordnung die Kraft des Empfindens und Handelns verjagt hat.«
»Ich höre dich sprechen wie einst, ich sehe dich blicken ... ach, wie habe ich diesen Blick vergessen können? Wie sich die wehtuende Kälte darin löste – zu Weichheit, zu Liebe, zu bedingungslosem Aufgehen ...«
»Wunder auch!« sagte er. »Du machtest mir ja damals meine Seele gesund. Und zweimal gab es in unserm fernen gemeinsamen Leben dieses heiße, geheimnisvolle Überströmen von Zusammengehörigkeit, das noch keine Weisheit erklärt hat ... Weißt du? Ruf es dir ins Gedächtnis das erste Mal. Frau von Stephany hatte Gäste geladen und bewirtete sie in dem Garten. Für den Hauswirtssohn, dem sie sonst wohlwollte, war diesmal unter den vielen adligen Verwandten und Freunden kein Platz gewesen. In Erbitterung darüber hatte ich mich in die Laube, unsre Laube, gesetzt, von wo aus ich ungesehen alles beobachten konnte. Und ich sah dich mit einem Gefolge von dreien herumschwirren, sah, wie der alte Wüstling, der Landrat, in falscher Väterlichkeit deinen Arm drückte und dich um die Taille faßte ... Und ich hörte dein Lachen, und ich fühlte einen großen Haß gegen dich. Aber da – wie ich wieder aufsah, standest du ganz allein, mit herabhängenden Armen und suchenden Augen, und dann kamst du langsam auf mein Versteck zu ... und wußtest doch nicht, daß ich drin war.«
»Ach, ich hab's dir ja später gesagt – ich wußte es – ich weiß nicht, woher ... Und als ich vor dir in der Laube stand, gaben wir uns die beiden Hände und sahen uns an.«
»Und da war es – das selige, glückselige Fühlen – du und ich – eins sind wir – eine unendliche Welt wir beide – ein starkes, heißes Gefühl – über den Worten stehend – weißt du?«
»Ich weiß, wie ich stumm und erschüttert fortging zu den Gästen, und mich bewegte und sprach und wußte nicht, wie und was ... Und dann die Nacht durch saß ich auf meinem Fensterbrett, bis der Morgen zu dämmern anfing, und fragte mich immerzu: Was war das in der Laube? Was hatte mich da gepackt? Was ist über mich gekommen? Ich kann doch diesen Mann nicht lieben, der Jagd auf die Dienstmädchen der Nachbarschaft macht, der über Ehre und Recht lacht, der keine Gnade hat mit der Schwäche und keine Achtung vor der Kraft.«
»Von allem war etwas in mir, gerade wie du es dir dachtest. Und heute weißt du aus Erfahrung: das Leben ist eine Mischung von unendlich Rohem, Brutalem, Gemeinem und zierlichen Gebilden, die in unschuldiger und unbegreiflich zarter Schönheit dazwischen aufblühen. Solch ein schillerndes Ding war jene Minute.«