»Ja ... ist es denn ein so schlimmes geworden? Habe ich Erwin nicht liebgehabt? Bin ich nicht glücklich gewesen? Hab' ich nicht lachen und weinen können, als ich noch nicht müde war? Hab' ich an dich und all die tollen Sehnsüchte und Träume gedacht, die du in mir erwecktest und die doch sterben mußten?«

»Sie sind nicht gestorben. Sie schliefen nur in dir, wie ich. Solange das Leben fließt und die Alltagswellen darüberströmen, so lange schläft das Unterdrückte, das Innerste. Aber es kommt der Tag, an dem der Strom einen anderen Lauf nimmt und den Lebenswillen nicht mehr trifft, es kommt die Stunde, die euch in den Schattenweg führt, wie eben dich. Dann wacht das auf, was widerrechtlich zum Schweigen gebracht war, und es ruft stärker und stärker, bis es uns Tote in euch auferweckt ... dann stehn wir mit der vergewaltigten Natur zusammen richtend vor euch und heulen euch in die Ohren: »Was habt ihr aus euerm Leben gemacht? – – –«

Mit einem hellen Schrei sprang die Frau auf.

Es war niemand da – alles leer, nur die Sommerblumen lagen verstreut um sie herum.

Das Blut jagte mit tausend Stichen durch ihren Körper, das kranke Herz flatterte, ein eisiges Grauen kroch über sie hin und verzehrte ihre Gedanken. Sekundenlang stand sie da und starrte um sich. Aber es blieb alles totenstill in der grünen Dämmerung. Nur der Specht hämmerte in der Ferne ... Da stürzte sie den dunkeln Weg zurück, über Wurzeln stolpernd, mit versagendem Atem, bis zu dem Waldeingang, wo in der leuchtenden Sonne der Heilige das Tal bewachte.

»Sonne, Leben ... haltet mich, behaltet mich!« stöhnte die Erschöpfte und sank bei dem Bildnis in die Knie ...

»Welche Wirrnis, welches Grauen!« dachte sie, sich allmählich beruhigend. Diese verschollene kleine Liebesgeschichte! Wie ein Todesgruß!

Und doch – erhob sich in allem Fürchten und Verwundern nicht schon wieder eine schwache Stimme, die sie in das Versunkene zurücklocken wollte, dem sie eben in Todesangst entflohen war?

»Is Ihna net recht?« fragte da ein altes Weibchen, das mit seinem Rückenkorb den Weg heraufkam. »Se schaun aber schlimm us!«

Die Frau nickte ihr mit mühsamem Lächeln zu. »Es geht schon, ich habe mich übermüdet und war im Wald da eingeschlafen.«