Ach, du lieber, geliebter Riese, ich verstehe ja deine Sprache, ich fühle sie, und als Antwort möchte ich mich an dich hinanschmiegen, dich ganz umfassen mit all deinen Gipfeln, deinen Abgründen und den stillen, grünen Matten ...

Ich bin frei, und ich glaube an das Leben, an mein Leben, über dem Jahre hindurch das Schwert hing!

Als heute vor vierzehn Tagen in Davos Dr. Herholz in mein Zimmer kam und mir ganz ohne Vorbereitung sagte: »Fräulein Lydia, wir sind so weit, rüsten Sie sich zur Heimfahrt,« ... da stand mir das Herz still vor Schreck.

Wie oft hatte ich mir diesen Augenblick ausgemalt, in dem der lächelnde Henker vor mich treten und mir sagen würde wie schon so vielen vor mir: »Sie sind als geheilt entlassen.«

Wie hatte ich in voller Fassung und Würde dieses Todesurteil entgegennehmen wollen, auch lächelnd und dem Anschein nach den lügnerischen Worten Glauben schenkend. Und nun ...?

Ich fühle jetzt noch die eiskalte Leere, die plötzlich um mich war. Meine Jugend, meine armen vierundzwanzig Jahre schrien jammernd um Hilfe. »Wie lange also noch, Doktor?« brachte ich endlich vor.

Doktor Herholz, übrigens einer der wenigen unter der Herde von Ärzten, die mein Leben durchzieht, der mir immer gleichmäßig freundliche Teilnahme gezeigt hat, nahm meine Hand und fühlte gewohnheitsmäßig den Puls.

»Ruhig, ruhig – es ist Ernst, Fräulein Lydia,« sagte er und sah mich treuherzig und froh an. »Sie brauchen nicht mißtrauisch zu sein. Ich habe das aber bei Ihrer skeptischen Veranlagung vorausgesehen und Ihnen den Krankheitsbericht seit der drittletzten Injektion mitgebracht. Kommen Sie, sehen Sie selbst.«

Es flimmerte mir vor den Augen. Ich las wohl mechanisch ... Gewicht ... Temperatur ... Sputum ... usw. Diese ganze entsetzliche Reihenfolge, die tagaus, tagein Gedanken und Gespräche beherrscht hatte, und ich mußte mich von dem günstigen Ergebnis überzeugen, das ja meinen eigenen Wahrnehmungen entsprach. Aber hinter der leise aufdämmernden Hoffnung sprangen die schwarzen Kreuzchen auf, die in meinen Erinnerungsbüchern bei so vielen Namen stehen, – Namen von armen Menschenkindern, mit denen ich ein Stückchen Weg gemeinsam gemacht hatte, und denen fast allen einmal, wie heute mir, verkündigt worden war: »Sie sind als geheilt entlassen.«

»Sie dürfen das nicht, Doktor,« sagte ich dann. »Es ist eine überflüssige Grausamkeit. Das ist alles Täuschung, ein vorübergehendes Aufflackern, ... ich weiß zu genau Bescheid, und ich will mich nicht selbst betrügen und mir auch keine falschen Erwartungen einimpfen lassen ...«