»Ich gebe Ihnen die ehrliche Versicherung, daß es Ihnen verhältnismäßig gut geht, Fräulein Lydia. Natürlich sind Sie kein Riese, – dürfen sich nie für ganz gesund halten, – müssen vorsichtig und maßvoll in jeder Beziehung leben, – körperlich und geistig ...«
Und nun begann er einen ganzen Strom ärztlicher Weisheit über mich zu ergießen. Mir war wunderlich dabei zumute. Ich widerstrebte innerlich, aber hier und da fing etwas in seinen Auseinandersetzungen an mir einzuleuchten, und endlich, als er von den Gefahren eines Rückfalls, ja des »letalen Ausgangs« sprach, die durch Erkältungen, Anstrengungen oder Erregungen herbeigeholt werden könnten, denen aber durch Willenskraft und Überlegung vorzubeugen war, – da schwankte ich schon in dem festen Vornehmen, mich trügerischen Hoffnungen zu verschließen, und die Möglichkeit, daß er die Wahrheit sprechen möchte, hob sich zaghaft und verlangend in mir.
»Doktor, Sie begehen eine schwere Sünde, wenn Sie mich betrügen. Sie könnten mich ruhig so weiter dämmern lassen. Es ist ja gerade in Ihrem Sanatorium ganz vergnüglich. Man lebt so von der Hand in den Mund und täuscht sich über vieles hinweg in der schönen Natur ... Und Sie wissen ja, verlangen nach mir, um mich noch pflegen und lieben zu können, wie das so üblich ist, tut zu Hause niemand ...«
»Das weiß ich gar nicht,« sagte der gute Doktor etwas verlegen, »aber es spricht auch gar nicht mit. Hören Sie doch zu. Wenn's so wäre, wie Sie annehmen, wie es leider ja auch oft geschieht und aus Menschlichkeit und tausend anderen Gründen geschehen muß – erinnern Sie sich nicht an den Gebrauch in solchen Fällen? – Dann führe ich den betreffenden Patienten doch zum Chef, und der weiß mit seiner exorbitanten, sachlich scheinenden Beredsamkeit jedes Bedenken ganz anders totzuschlagen als ich. Das wäre ihm auch bei Ihnen eine Kleinigkeit gewesen. Sie kennen doch die leuchtenden Augen, mit denen die vollkommen Überzeugten dann aus dem heiligen Arbeitszimmer zu kommen pflegen, auch wenn Sie vorher noch so mißtrauisch waren.« Das stimmte. Wie eine Bestätigung dieser Worte glitt das Bild des Einen, Unvergeßlichen durch meine Gedanken, der sich auch nie durch die berüchtigte Endunterhaltung hatte täuschen lassen wollen, der dann doch beglückt dahergekommen war wie alle die anderen und doch denselben Weg gegangen war wie sie ...
»Sehen Sie, Fräulein Sargent,« sagte der Doktor weiter, »wir zwei haben uns doch ganz hübsch eingelebt miteinander, der Chef weiß das. Und als wir bei der letzten Konferenz gestern endgültig feststellten, was wir eigentlich schon seit Monaten wissen, daß von uns aus, im Augenblick nämlich, nichts mehr für Sie zu tun ist, sagte er mir großmütigerweise: »»Sie können dem Wurm die Nachricht bringen. Sie stehen ihr ja näher als ich, und wenn Sie wollen, besorgen Sie auch die Korrespondenz mit den Angehörigen,«« – was, nebenbei gesagt, bereits geschehen ist« ...
Nun wurde mir doch schwindlig, und – was soll ich es vor mir selbst nicht eingestehen – eine ungeheure Freude brannte wie eine Flamme in mir auf. Fassungslos warf ich mich dem guten Doktor an den Hals und weinte, – weinte bis zum Vergehen ...
.... Und dann sind die Reisevorbereitungen gekommen, vor allem der Briefwechsel mit den Meinen, der mich nicht sonderlich enttäuschte, weil dieses brausende Glück, das aus dem Hinterhalt über mich hergestürzt ist, ihm das Gegengewicht hielt.
Im Grunde benahm man sich genau so, wie ich es mir hatte vorstellen können. Eine matte, etwas ungläubige Freude und Verlegenheit, viel Verlegenheit. Man weiß augenscheinlich nicht, was mit mir anfangen. Die ganze Familie sitzt in Gastein. Ob ich dorthin kommen wolle, ob es ein geeigneter Ort als Übergang für mich wäre. Die Kur könnte man nicht unterbrechen, Papa hätte sie so nötig gebraucht, und meine Mutter dürfte ihn nicht verlassen.
Natürlich bin ich ihnen mit der Idee entgegengekommen, daß ich zuerst noch ein wenig für mich bleiben wolle, in einer gut empfohlenen Schwarzwaldpension vielleicht, jedenfalls meine Kräfte erst einmal erproben und die Welt mit den Augen der Gesundenden sehen lernen. Und dieser Wunsch traf auch auf keinen Widerspruch. – Seit ich mündig bin, habe ich mir ohnedies die sonst nötig und standesgemäß gefundene Begleitung abgeschafft. – Und mein Stiefvater schrieb mir sogar einen ganz herzlichen Brief. Er wolle mit seinem vollen Titel – »der Ministerialdirektor imponiert auch in der freien Schweiz« meint er irrtümlicherweise – mein Zimmer in dem Züricher Hotel bestellen, in dem ich die erste Station machen sollte.
Und Mama? ...