Aber ich will nicht phantasieren. Mich zusammenfassen will ich und mit glücklichem Bewußtsein das Erlebnis der letzten Stunde noch einmal durchleben....

Ich bin ja gesund dadurch geworden. Weg sind die gefährlichen, stechenden Schmerzen nach der furchtbaren Nacht mit ihren Todesängsten, Atemnöten und gierigen Lebenswünschen.

Auch von dem Kummer über Mamas Brief, der mir trotz der Liebesworte doch nur die Bestätigung meiner Verlassenheit brachte, fühle ich mich befreit.

Und war doch so elend. Die öden Stunden den langen Vormittag über, mit beängstigenden Zweifeln ausgefüllt, die ich mit aller Willenskraft nicht bannen konnte, wollten nicht vergehen. Wenn Herr Hillmann doch wiederkäme! So stark, so frisch und so voller Teilnahme!

Nach meinem einsamen Mittagessen lag ich im Halbschlaf und von jagenden Bildern gequält auf meiner Chaiselongue, als meine Madline, das junge Zimmermädchen, eine Karte brachte: Herbert Hillmann, Dr. ing.

Ich fuhr in Enttäuschung auf ... Die Worte Herrn Hillmanns über seinen Sohn fielen mir ein.

Gut, des Vaters wegen wollte ich ihn mir ansehen – aber über die Geldangelegenheit würde ich mit ihm nicht sprechen. Dieser elende kaufmännische Jargon sollte mir nicht noch einmal eine Stunde verderben.

Müde und so in Gedanken, daß ich nicht einmal einen Blick in den Spiegel warf, schleppte ich mich in den kleinen Salon, und da stand er, eine dunkle Silhouette gegen den hohen, hellen Wandschirm.... Nichts von der Stattlichkeit des Vaters, mich selbst mit seiner schmalen Gestalt nur um weniges überragend. Nichts von dem Fluidum des herrschenden, sieggewohnten Mannes, das gestern von dem Vater wie ein Funke auf mich übergesprungen war.

Ein hageres, durchgearbeitetes Gesicht mit sehr hoher Stirn, ganz beherrscht von hellen Augen voller Stetigkeit und Klarheit – eine feste, kühle Hand, die meine heiße einen Augenblick herzhaft drückt.

»Sie sehen aber gar nicht so übermäßig frisch aus,« sind die ersten Worte, die ich von der hallenden Stimme höre, deren Klangfarbe mich ganz hinnimmt.