Und dann haben wir lange gesprochen. Zuerst habe ich erzählt von allem, was bisher mein Leben ausgemacht hat, von allem Leid, mit dem wir Armen uns von Anstalt zu Anstalt schleppen, von Wehrawald nach Andreasberg, nach Arosa, nach – lieber Gott, überall hin, wo man ein bißchen Lebensluft aufzusaugen glaubt und wo die gierig um sich greifenden Hände doch schließlich immer nur den einen fassen: den Zerstörer. Von den vielen, die, von der Familie ausgestoßen, wie ich, allein und in jammervoller Sehnsucht nach einem Zuhause in den Tod mußten.
Da hat mein neuer Freund mich unterbrochen: Ich wäre jetzt in der Lage, mich innerlich von der Familie zu lösen oder mein Verhältnis zu ihr auf einer anderen Basis neu zu erbauen, wenn ich den Zusammenhang nicht entbehren könnte.
Es verwirrte und erregte mich zuerst ganz, was er im Anschluß daran sagte, aber als ich ihn begriff, tat sich eine neue Welt vor mir auf, und meine Seele wurde groß und weit.
Die hohen und guten Worte, mit denen er in mich eindrang, vermag ich nicht zu wiederholen, aber ich fühle jedes, und es soll in mir wachsen.
Die klagenden Stimmen hinter den Freuden der Welt vernehmen und ihnen nachgehen, sagt er, den mitleidenden Menschen zeigen ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht oder Stand. Den Gedanken des Entbehrens ausschalten, – das Bewußtsein des geistigen und gemütlichen Überflusses, von dem man geben und immer geben kann, in sich stärken, – durch das eigene reine Menschentum den Menschen in dem anderen wachrufen, – und so in aller Stille eine menschliche Gemeinsamkeit mitschaffen helfen, die unter der Asche der gesellschaftlichen Einrichtungen tief verschüttet liegt.
»Wieviel selbstverleugnende Güte muß man sich aber erwerben, um solche Wege gehen zu können,« sagte ich endlich. »Ich bin sicher nicht gut genug dazu.«
»Das kann ich noch nicht beurteilen, aber seien Sie es zunächst mit dem Verstande, tun Sie vor sich selbst so, als ob Sie es wären. Nach dem ersten Erfolg wird ein Glücksgefühl in Ihnen erwachen, das mit nichts vergleichbar ist. Und damit zugleich wird Ihre Macht, Irrungen, Trübsal, Einsamkeiten zu bannen, stetig wachsen. Mit Ihren Hilfsmitteln, Schönheit, Temperament, Reichtum, ist sie von vornherein sehr groß.«
Er sah mit seinen lichtvollen Augen über mich weg.
»Sind Sie denn glücklich auf diese Weise, und brauchen Sie nichts anderes?« fragte ich.
»Wenn ich mit der Überzeugung von Ihnen gehe, daß ich den Willen zum Glück, wie ich es verstehe, in Ihnen erweckt habe, daß Sie meiner kleinen heimlichen Gemeinde angehören und dadurch für sie werben wollen, werde ich da unten in einem Rausch herumlaufen und nach Ihrem Licht sehen, als ob es aus einer anderen Welt käme.«