Ach, ich glaubte ihm wohl. Ich hätte ihm von den Einsamkeitsschauern erzählen können, die mich heute Nacht zerbrochen und die Sehnsucht nach meinem Krankenanstaltsleben neu aufgeweckt hatten ...

Ich tat es nicht, noch nicht. Aber als ich aufsah, diesem jungen Menschen ins Gesicht, das wie durchleuchtet schien, von etwas Gutem, Hohem, Hilfsbereitem, da stieg plötzlich, mit einem scharfen Herzstich zugleich eine große Gier nach dem Menschen, dem Genossen in mir auf, an den ich mich anklammern konnte in schwarzen Stunden, wenn die eisige Furcht angeschlichen kam.

Dieses Gefühl tauchte auf und ging, wie eine Ahnung, wie ein Traum.

»Einmal, vor ein paar Jahren,« sagte mein Gast dann, »als ich in einer verzweifelten Lage war, aus der ich, weltfremd, jung wie ich war, keinen Ausweg mehr sah – ich will Ihnen später einmal, wenn sich's so fügt, davon erzählen – kam ein großer und guter Mensch ganz unerwartet zu mir. Ein Zufall hatte ihn meine Not ahnen lassen und, ohne mich zu kennen, kam er und half mir, ganz uneigennützig und ohne jede äußere Veranlassung. Das Leben führte uns verschiedene Wege, wir haben uns seitdem nie mehr gesehen, aber ich habe mir damals gelobt, wenn ich je von einem hören würde, dem es nützen könnte, daß man ihm die Hand entgegenstreckte, dann wollte ich es tun. Versuchen, ob ich ihm helfen könnte, wie mir damals geholfen wurde. Nur ihm sagen: da bin ich, ich will mit dir in deiner Einsamkeit beraten, welchen Weg du gehen mußt, wie du dein Leben für dich und deinesgleichen ausnützen kannst, lieber Bruder oder liebe Schwester!«

Wenn ich ein langes, langes Leben vor mir habe, diese Worte werden in mir fortklingen, wie sie jetzt in mir zittern, wie sie vorhin heiße Tränen in meine Augen drängten.

»Und so haben Sie mich gesucht, auch ohne etwas mehr von mir zu wissen, als daß es mir nicht gut gehen dürfte, daß ich allein wäre?«

»Die in die Augen springende innere Kälte Ihres Stiefvaters, seine schroffe Ablehnung, Ihnen in der besprochenen Geldangelegenheit zu raten, machte mich auf Ihre Lage aufmerksam. Dann schlug Ihre Mutter vor, Sie nach Gastein kommen zu lassen. Herr von Herholz wies das unbedingt ab. Sie hätten selbst wohl das richtige Gefühl gehabt, daß es nicht anginge, aus einem verseuchten Hause in eine erholungsbedürftige Familie hineinzufallen. Da müßten vorher noch Übergänge geschaffen werden. Sie wären sicher wohl besser orientiert über Orte, in denen Genesende eine zusagende Unterkunft fänden, an denen es sich herausstellte, ob sie wirklich Genesende wären – und in dem Ton weiter.«

Ich kannte diesen Ton. Der Hals wurde mir trocken. »Und Mama?«

Ich solle versuchen, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie habe nach etwas bewegtem Hinundher zugestanden, daß sie als Mutter gesunder Kinder Opfer zu bringen hätte, auch wenn sie innerlich auseinandergerissen würde.... Von da ab hätte er immer und immer an mich denken müssen! ... Das arme Mädchen, wie mag es leiden, wie einsam sein im Vergleich zu den lachenden blonden Schwestern, die mit ihrem blühenden Leben den ganzen Raum füllten. »Nein, sagte ich mir, ganz allein soll die andere nicht bleiben, und sich nicht darum grämen, daß die Familie die Tür vor ihr zuschließt. Meine eigene dunkle Lebensstunde stand wieder vor mir, ich fühlte wieder die Hand meines gütigen Retters auf meinem Kopf, und da war ich auch schon entschlossen: Jetzt versuche ich, ob ich ein Mensch bin, der es wert ist, einem anderen, der es dunkel hat, ein bißchen Licht zu bringen. Die Auseinandersetzung mit meinem Vater habe ich Ihnen nicht ersparen können, so sehr ich mir das auch gewünscht habe – aber – nun – wenn Sie einen brauchen – zum Aussprechen, zum Plänemachen, nur um da zu sein, wenn Sie einen Zusammenhang mit dem Leben suchen....«

Ich griff nach den ausgestreckten Händen und hielt sie fest.