Er wehrte ab. »Nicht doch, sie brauchte nicht treu zu sein, liebes Kind ... ich auch nicht ... Was uns in jenen schönen Tagen band, war ja so flüchtig. Ich kann jetzt nicht einmal mehr sagen, wie und was es war. Meine Sprache ist mir auch gar nicht mehr geläufig genug dafür ... Aber Sie, sagen Sie mir, Sie ... oder du? Warum hast du denn an mich gedacht ... und wie? Du hast dir doch ausrechnen müssen, daß ich ein alter Mann bin, und schließlich ist es doch ein Zufall, daß ich herkam ... nachdem wir seit langen Jahren nichts mehr voneinander wußten ...«
»Kein Zufall, o nein.« Sie schüttelte den Kopf und sah ihn mit großen, nassen Augen an. »Und alt? Das hätte ich nie gedacht, und nun ist's ja auch nicht so ... Wer draußen in der großen Welt und in fremder Schönheit lebt, der kann ja gar nicht alt werden für einen, der in Enge und Einsamkeit sitzt. Und wenn man dann so jemand hat, an den man seine große Sehnsucht anhaken kann, wissen Sie, das zieht einen mit in allerlei schöne Träume ... Ich bin ja so glücklich gewesen all diese langen Jahre, daß ich die hatte ... Ach, was für Freunde diese Schmetterlinge und dieser große bunte Arara mir geworden sind! ... So was Fremdes und Heißes und Schönes war immer um mich, wenn ich an Sie denken konnte. Und wissen Sie, was ich jetzt eigentlich glaube? Dies alles ist nur ein Traum, und wenn ich aufwache, wird's nicht wahr sein. Oder ist dieses wahr? Und das andere ein Traum ...? Nein, nein – Träume sind schöner als das Leben. Ach, lassen Sie mich reden ... es ist so wundervoll, zu Ihnen reden zu können, zu Ihnen in Wirklichkeit reden zu können ...«
Und das tat sie denn auch und sagte noch viel schöne Dinge zu Heinrich Biester. Oder zu Enrique Bisterro – oder zu wem ... zu wem?
Voll traumseligen Staunens hörte er zu. Und allmählich rauschte ein heißes Entzücken in seinem Blut auf. Alter, Kränklichkeit, Fieber, das gab es ja gar nicht mehr. Jung wie vor dreiundzwanzig Jahren konnte er dieses Mädchen in seine Arme reißen, wenn er nur wollte. Er, der Starke, der Stolze, der Märchenprinz, für den hier die Palmen wuchsen und die blauen Schmetterlinge gaukelten. So empfand er für Augenblicke mit der fortgerissenen Phantasie. Aber der legt die Wirklichkeit schließlich doch Zügel an, und vom Empfinden zum gesprochenen Wort führt ein langer Weg.
Darum zog er zuletzt Justine Prang nur sanft zu sich und streichelte sie mit seiner mageren, heißen Hand. Und sagte nur ein paarmal: »Laß es dir nie leid tun, Kind, laß dir diese Stunde nie leid tun ...«
»Wenn ich sie wirklich erlebe, dann soll sie die schönste in meinem Leben sein ... die Höhe ...«
»Still, still,« sagte er, sie immer noch leise streichelnd. »Ich danke Ihnen schön, Justinchen ... Und – und, ich möchte nun am liebsten fortgehen. Was sagen Sie dazu? Noch bevor Sie mich in der Sonne von Bartenberg sehen!« ...
Nun sah sie ihn forschend an, ebenso wie er sie, und er bemerkte, wie das glühende, begeisterte Gesicht unter seinem Blick zusehends spitz und blaß wurde, und wie der Freudenschimmer in den großen, dunkel umrandeten Augen erlosch.
Sogar die Stimme schien ihm anders, als sie zu reden anfing, und wenn nicht die weiße Halle und der Arara und die Palmen dagewesen wären, hätte er denken können, er hätte die ganze kurze Zwiesprache geträumt.
»Das ginge wohl nicht,« sagte sie. »Was sollte der Vater dazu sagen und Hellmund ...?«