Er hatte die Tür aus alter Gewohnheit offen gelassen und sah sich noch einmal nach ihr um: da stand sie mitten in der dämmrigen Halle in ihrem weißen Kleide mit den nackten Armen und hatte die Hände gerungen.

Aber als er noch länger nach dem geheimnisvoll schönen Bilde starrte, da schien es sich mit silbrig grünem Schleier zu umhüllen und zerfloß ihm vor den Augen.

Dann wurde die Tür zugemacht, und er sah noch eine Weile wie im Traum auf diese dunkle Pforte mit dem leuchtenden Messinglöwenkopf, die die Vergangenheit für ihn abschloß, und hinter der sich ihm doch ein neues, wunderliches Seelenheim aufgetan hatte ...

Der Markt lag wie vor einer halben Stunde sonnenüberglüht und ausgestorben da, aber nun hatten auch die kleinen Häuser tote Augen, und keine Stimme mehr. Kein Fenster öffnete sich, und keine Schatten huschten über die Straßen.

Nur der Löwenkopf an der Apothekentür funkelte und sprach.


Nun saß Enrique Bisterro längst wieder auf der Veranda in Entechua unter den Seinen und den rauchenden und schwatzenden Freunden. Er hörte den Guairastrom rauschen und sah die Yukkas am Fuß des Monte Avila emporstreben. Duft und Glut waren um ihn, und die Schönheit der taghellen Mondnächte kaum zu ertragen.

Das war früher auch alles so gewesen – aber er wußte nicht, wie es kam – seit seiner Heimkehr sah er die alten Bilder mit neuen Blicken, ja, er nahm sie oft mit einer Befriedigung auf, die an Freude grenzte. Seine Freunde fanden, daß die Reise in die Heimat Wunder an ihm getan habe, sie machten sogar kleine, anzügliche Bemerkungen, die Doña Eustachia nicht zu Ohren kommen durften. Er selber gab ihnen nicht Unrecht, wenn er sich auch den Wechsel in seinem Empfinden und seinem ganzen Wesen nicht ganz erklären konnte.

Während des Tages, den er in der lähmenden Glut sonst verdrossen und kränklich, voller Mattigkeit und unbestimmter Sehnsucht, hingeschleppt hatte, dachte er an die Heimat jetzt nie mehr. Die schöne Wirklichkeit um ihn triumphierte über den matten Widerschein, den er dort angetroffen hatte. Er schaffte mit frischer Kraft und Freudigkeit. Er fühlte sich in seinem Beruf, als Familienvater, als Würdenträger in der kleinen, zusammengewürfelten Gemeinde von Entechua ganz als der Enrique Bisterro, den man hier von ihm erwartete, und wußte nichts von dem Heinrich Biester des Jugendlandes.

Seine Träume dagegen führten ihn nach wie vor in das alte Heimatnest, aber er prahlte nicht mehr wie früher mit seinem Glück und seinem Wohlergehen. Er sprach auch nicht mehr Spanisch – und nicht mehr mit dem Prinzipal. Er stand in der dämmrigweißen Halle – und ihm gegenüber, neben dem feinblättrigen Bambus, unter den ewig lebenden Palmen, die für ihn da hingepflanzt waren, das Justinchen – mit leuchtenden, verständnisvollen Augen ihm die Worte von den Lippen lesend. Und was der heiße Tag von Entechua an starkem, jungem Fühlen, an Wehmut und Verdrossenheit, an Traum und Jugendsehnen erstickte, das strömte da in den langen und beweglichen Zwiesprachen aus. – In denen klang kein Ton von dem würdigen, arbeitsfrohen Don Enrique, die quollen ganz aus dem Herzen und aus der Seele des Heinrich Biester.