Die junge Erika hatte Eltern und Heimat nie wiedergesehen. Sie war im Lohrerschen Hause geblieben und nicht lange nach dem schrecklichen Ereignis die vielbeneidete Frau des Doktor Lovis Lohrer geworden.

Ein furchtbarer Schlag hatte sie einige Jahre später allerdings auch noch getroffen. Ihr einziges Kind, ein schöner blondlockiger Junge, natürlich Abgott der Eltern, war bei einer Autofahrt mit der Bonne zusammen verunglückt.

Man hörte, daß Doktor Lohrer verhältnismäßig schwerer daran getragen habe als Frau Erika, bei deren zarter Gesundheit auf keinen Ersatz des Verlorenen zu rechnen war. Schließlich aber – überwunden hatten es nun wohl beide in ihrem ruhelosen Berliner Leben. Was Frau Erika vielleicht als sichtbare Spur des Erlebten zurückbehalten hatte, eine weiße Strähne, die seltsam in das schwarze Haar hineingewachsen war, diente noch dazu, den Reiz ihrer Erscheinung zu erhöhen.

Ihr Gatte, der in Fragen der Ästhetik auch bei Übelwollenden als Autorität galt, liebte und bewunderte diese Locke sehr und überwachte selbst die Unordnung der Frisur, wenn er mit seiner Frau »Staat machen« wollte, wie er lachend oder vielmehr lächelnd erzählte.

Laut war nämlich auch Doktor Lohrer selten oder nie in seinen Meinungs- und Gefühlsäußerungen. Aber bei ihm fühlte man zuweilen den Zwang, den er sich antat, um so unpersönlich und korrekt zu erscheinen, und wer ernsthaft mit ihm zu tun hatte, wußte, daß diese übergroße, schmale, etwas schlappe Gestalt sich plötzlich, wie von Federn gestrafft, aufrichten und daß der gleichmütig verbindliche Ausdruck des glattrasierten Fuchsgesichts sich je nach Veranlassung in einen beängstigend energischen oder abschreckend zynischen verwandeln konnte.

Im allgemeinen stand er der Welt, in die er sich verpflanzt hatte, näher als seine Frau, vielleicht gerade durch die hervorbrechenden kleinen Schwächen, die man ihm nachweisen konnte, wenn man wollte. Einen hervorragenden, wenn auch versteckten Platz darunter nahm die für das ewig Weibliche ein. Man verargte sie ihm nicht, da er in der Öffentlichkeit stets unzertrennlich von seiner schönen Frau erschien und sie vor aller Augen mit zartester Aufmerksamkeit umgab.

In Herrengesellschaft und zu vorgerückter Stunde war er ein guter Kumpan, der mit erfrischendem Gelächter über salonunfähige Witze quittierte und gelegentlich selbst welche zum besten gab, die vielleicht an Pikanterie die vorhererzählten noch übertrumpften.

Dann konnte er auch aufrichtig und harmlos von seinem zweiten Heim in der Eichstädter Straße sprechen, das er sein »hemdärmeliges« zu nennen pflegte, und von der »Kleinen«, die dort das Herdfeuer hütete.

Hier gab er auch zuweilen ein paar befreundeten Junggesellen hübsche Abende in vorgeschrittenem Kabarettstil. Das geschah aber sehr diskret und in einem engen Kreise zuverlässiger Gesinnungsgenossen, und wohl nie, ohne daß Herr Doktor Lohrer in leuchtender Vaterfreude einen süßen, blondhaarigen Buben präsentierte, »zu dem die Mutter nun doch einmal gehörte« ... »Und was wollen Sie, ich bin nun einmal ein Kindernarr, und leider ... leider ...«

Er zuckte dann bekümmert die Achseln, und man begriff die kleine »Unregelmäßigkeit«, wo man von ihr erfuhr. Sie war schließlich zu entschuldigen und vielleicht auch nur eine Art Ausruhen von all der tadellosen, wohltemperierten Vornehmheit und Stille des eigentlichen Hauswesens und dessen Herrscherin.