Nein, – sie erinnerte sich nicht, wiederholte aber den Wunsch, die Kiste bei sich zu haben.

Die treue Lina holte es also und setzte es mit einem leidenden Seufzer auf den perlmuttereingelegten Hocker, wo es plump und frech in der zarten Umgebung dastand.

Frau Erika konnte es kaum erwarten, den darin verpackten Gegenstand zu enthüllen.

Nun sie ihn in der Hand hielt, gab es eine große Enttäuschung.

Es war ein häßlicher Matrosenkopf in grell bemaltem Porzellan, wie ihn vor vielen Jahren, vielleicht zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, die Seefahrer aus England herübergebracht hatten. Die großen, hervortretenden Augen starrten. Blanke Goldringe steckten in den Ohren und eine Pfeife hing aus dem breiten, roten Mund. Den Schädel verdeckte ein schwarzer Lackhut, den man abnehmen mußte, wenn man zu dem Tabak gelangen wollte, der in dem hohlen Innern aufbewahrt wurde. Man spürte jetzt noch den schwachen Geruch, – – und wie lange mochte wohl nichts mehr darin gewesen sein? ...

Frau Erika schloß die Augen, und dann riefen die Erlebnisse aus den Kindheitstagen sie an, in die dieser Kopf von seiner Ecke her, oben auf dem eintürigen Schrank, hineingeschaut hatte.

Und wie sie den verödeten Gedankenwegen nachging, tauchten von Neuem lang vergessene Bilder in ihr auf. Einfache und bedeutungslose, – aber sie hauchten ein wunderlich starkes Leben aus ...

... Da war in dem kleinen Haus in der ostpreußischen Hafenstadt ein Stübchen, wie eine Schiffskabine ausgestattet ... Auf dem schwarzen Ledersofa sah sie den alten Großohm mit dem breiten, roten Gesicht und dem schneeweißen Bartkranz drum herum. Neben ihm, zart und fein, die kleine Großtante im schwarzen Kopftuch, lange, schmale Fidibusstreifen aus weißem Papier faltend.

Sie selbst auf kleinem Schemel neben dem Tisch. Es wurde stark duftender Tee aus hohen, goldenen Tassen getrunken, und kleine Gewürzkuchen gab es dazu, die die Großtante aus einer Blechbüchse hervorholte.

Und dann erzählte der alte Mann Geschichten. Wunderliche Geschichten ... von Seestürmen, ... von lachenden Küsten, wo die Menschen nackt gingen, – von Meerungeheuern, die die langen Arme aus dem Wasser reckten und sich mit tellergroßen Saugnäpfen am Schiffe festsogen, von den wilden Späßen, wenn man die Linie passierte ... und auch von dem Schattenschiff, das in der Meerenge Bab-el-Mandeb sein grausiges Wesen trieb.