Von den siebzehn Menschen, denen er dann hier in seiner Tätigkeit als Oberlotse das Leben gerettet hatte, erzählte wieder seine alte Frau, – und zuweilen kam auch ihre, Erikas eigene schöne, junge Mutter dazu und streichelte mit ihren weißen Händen die knotigen Gichtfinger des Alten und lachte so leise und lustig, wie nur sie lachen konnte, wenn er sie dran erinnerte, daß sie oben im Sund auf einem Heringsschiff zur Welt gekommen war. Und die Sonne funkelte in die Fenster des Puppenhäuschens, und abends kam der Mond und schimmerte auf den weißen Tauen und Segeln des Schiffes, das in der Mitte des Zimmers von der Decke hing – oder er glitzerte auf dem Matrosenkopf, der so lebendig zu werden schien, daß man sich ordentlich vor ihm fürchte.

Wie fluteten diese Bilder aus goldenen Kinder- und Ferientagen, einfach und doch so vielsagend, durch das Van-de-Velde-Zimmer!

Mit welch ergreifend rauher Stimme rief jenes Leben die weiche Existenz von heute an. Aber nun nicht weiter ... Nichts von Elternhaus, nichts von lustigen Ritten und tränenschwerem Abschied – nichts von alledem, was dann kam ... In Gedanken an der See bleiben – – bei den lieben, alten Leuten.

Frau Erika legte die heiße Stirn an den häßlichen Matrosenkopf – man konnte schon sagen »zärtlich«, meinte die treue Lina an ihrer Türspalte – dann setzte sie ihn behutsam auf die Schreibtischecke neben ein spiegeltragendes Tanagrafigürchen, dessen ausgestreckter zarter Arm sich gegen die gemeine Nachbarschaft zu wehren schien ...

Es war schon spät, und Frau Erika schlief unter dumpfem Brausen ein, das von irgendwoher kam. Sie wußte nicht, rauschte das fiebernde Blut in ihr, oder schlug die Ostsee mit langen, schäumenden Wellen an den Strand, den sie damals von den kleinen Fenstern des Lotsenhäuschens in Pillau hatte sehen können ...

Am nächsten Morgen wunderte sie sich über die Stimmungen des vergangenen Tages und glaubte, sie geträumt zu haben. Das Aufstehen wurde ihr schwer, die Glieder wollten ihr nicht gehorchen, und die Brust schmerzte sie beim Atmen noch mehr als gestern. Aber es ließ sich überwinden, und so saß sie beim Frühstück mit ihrem gewohnten Lächeln dem Gatten gegenüber, der, in seine Zeitungen vertieft, nicht auf sie achtete.

Schwindlig ging sie dann in ihr grünes Zimmer und legte sich auf die Chaiselongue unter die großen Latanie.

Der Matrosenkopf, den sie gestern mit so viel wehmütiger Zärtlichkeit auf den Eckplatz gestellt hatte, war heute in seiner rohen Häßlichkeit geradezu eine Verunstaltung des schönen Raumes. Und doch konnte sie die Augen nicht von ihm lassen und glaubte sogar, den schwachen Tabakgeruch zu verspüren, der doch nur in nächster Nähe zu merken war.

»Ich muß ihn fortsetzen, ehe Lovis kommt,« dachte sie, aber sie rührte sich nicht.

Und da trat Doktor Lohrer schon ein. Gedämpft fröhlich und mit aufmerksamem Lächeln um den spitzen Mund.