»Oh, Kinder haben wir jenug im Dorf,« sagte trocken der Bürgermeister. »Beruhig dich, Josef! Und nette Kinder. Besuch du uns bald emal, da sollste wat zu sehen kriegen. In jedem Haus ihrer fünf, sechs – mindestens. Da is der Jörres Huesgen, der Weber, de hat en janze Heck voll. Acht Stück; un dat neunte is unterwegs!«
»Um Gottes willen!«
»No siehste! Die Eifel stirbt so bald noch nit aus! Und wat die Mädchens anbelangt, so haben die fast all en Schatz und werden auch schon –«
»Genug davon, Bärtes!« Josef Schmölder legte ihm hastig die Hand auf den Mund. »Ich mag nichts mehr davon hören. Es beelendet mich. Überall das gleiche. Und ich dachte, hier würde es anders sein – besser. Hier auf dieser Höhe, der der Himmel so nahe ist!« Mit Schwärmerei im Blick sah er sich um und breitete dann plötzlich beide Arme aus: »Mensch, was hast du es so gut, hier oben immer gelebt zu haben! Wie schön, wie unbeschreiblich schön!«
Sie waren im Gespräch weiter gegangen; nun hielten sie auf einer Lichtung, deren trockene Heidegräser versilbert standen in einer Flut von Licht. Kein Haus, kein höherer Berg hemmten hier die Aussicht. Wie verklärt vom ersten Sonnenschein des jungen Jahres zeigte sich rundum die Ferne, sie enthüllte sich schleierlos; und die Luft war leicht, von jeder irdischen Schwere befreit, und durchsichtig klar, klarer als das reinste Glas. Da lagen unendliche Züge einsamer Heide mit schweigenden Tannenwäldern und tief einschneidenden Schluchten; im Grunde der Schluchten flossen Bäche, man sah nicht bis zu ihnen hinab, aber man sah den von der Sonne vergoldeten Duft, der von ihnen zu den Schluchträndern aufstieg. Noch zeigten die Matten von Heckenbroich nicht ihr saftiges Sommergrün, noch stieß der braune Rücken des Venns schwer und tot gegen die Helle des Horizonts, aber doch regte sich schon heimlich neues Leben in der Natur. Jene Wälder, deren Blau den ganzen Winter kalt und stumpf die Wellenlinie des Hochlandes gesäumt hatte, zeigten nun tieferes, wärmeres, ein besonntes Blau. Die Weidenbüsche an den Moorlachen trugen weiche, grausilberige Kätzchen; der Haselstrauch schüttelte lange, goldbepulverte Blütenräupchen.
»Et will lenzen!« sprach der Landmann froh.
Josef Schmölder seufzte. Er stand in sich gekehrt; das, was ihn eben noch so entzückt hatte, schien ihm jetzt nicht mehr zu gefallen.
»Du has’ höck keene jute Dag,« sagte Leykuhlen teilnahmvoll. Ihn faßte plötzlich ein Mitleiden, als er den andern betrachtete, der, vornüber geneigt, mit grauem Gesicht und gegen den Wind hüstelnd, neben ihm stand: arg mitgenommen sah der Josef aus, als ob er ebenso hoch in die Fünfzig zählte, wie er noch in den Vierzig war! Aber was sie im Städtchen über ihn klatschten, daß er sein Leben verlüdert, und daß er dem reichen Vetter recht zum Possen heimgekehrt sei, nein, das glaubte er nicht! Dem alten Kameraden, mit dem er ein paar Jahre unten in der Lateinschule zusammen gesessen hatte, die Hand auf die Schulter legend, sprach Leykuhlen herzlich: »Laß die Jrillen, Jung! Und wenn se dir unten zu viel Fisematenten machen, dann kömmste erauf bei uns. Du bist herzlich willkommen, Josef. Mariechen wird sich auch sehr freuen!«
»Danke, danke!« Josef Schmölder drückte Leykuhlen die Hand, aber kein Lächeln der Freude erhellte sein abgespanntes, von vielen feinen Kritzchen frauenhaft verfältetes Gesicht. »Du bist ein guter Kerl, Bärtes! Aber ich glaube an Freundschaft nicht mehr. Du mußt mir das nicht übel nehmen. Ich habe viel Freunde in meinem Leben gehabt – wo sind sie?!« Er spitzte den Mund und blies in die Luft, wie man ein Stäubchen fortbläst. »Es mag an mir liegen. Ich tauge eben zu nichts. Ich kann mich nicht in den Alltag schicken. Ich möchte alles anders haben, als es ist, besser, schöner – nenn es Egoismus, nenn es Menschenliebe, wie du willst. Ich weiß es selber nicht. Jedenfalls gefällt es mir nicht auf der Welt. Ich habe mich da und dort versucht. Erst war ich in London, dann in New York, sollte Propaganda machen für Schmölder und Kompagnie – damals lebte der Alte noch, und Heinrich war Kompagnon – ich konnte den Leuten nicht das Lumpentuch anschmieren. Tuch aus Lumpen gemacht! Haha! ’s ist nichts wert – ich glaube, das habe ich gesagt!«
Leykuhlen sah ihn ganz verdutzt an. »Aber, Josef, sie machen doch jar kein Hehl draus, dat sie Lumpen zur Fabrikation verwenden! Ihre Tuche sind eben drum billiger. Und manchem tun sie et doch auch.«