»Lug und Trug, darin wie in allem!« Heftig stampfte Josef Schmölder mit dem Fuß auf. »Ich tauge nicht zum Kaufmann. Das haben sie auch eingesehen. Gelernt hab ich nichts anderes, Talente hab ich auch weiter nicht, meine Gesundheit ist zum Teufel, nervös bin ich, ha, so nervös« – er faßte sich an den Kopf mit beiden Händen und hielt ihn sich – »Geld habe ich keins, nie habe ich was in der Tasche halten können, die Finger haben mich gejuckt, bis es raus war – rausgeschmissen, wenn du willst – nun bin ich untergekrochen. Nun esse ich das Gnadenbrot.« Er lachte bitter auf. »Wenig stolz, wirst du sagen! Hast recht, ich bin ein Lump, ein Feigling, ein – ein« – er suchte noch nach einem stärkeren Ausdruck, fand ihn aber nicht und sagte dann kleinlaut: »ein gänzlich reduzierter Mensch!«
Leykuhlen stand betroffen: also, es war doch wahr, was sie unten sagten? Verjuxt hat der Josef alles, und nun war er heimgekommen. Schön war das weiter nicht und dem Heinrich Schmölder nicht zu verdenken, daß er ein schiefes Gesicht zog. Aber schlecht war der Josef nicht, nein, wahrhaftig nicht! Er hatte Herz; er hatte nur keine Willenskraft! Und sich selber in seiner ganzen bäuerischen Kraft reckend und die breite Brust frei gegen den hier oben stärker wehenden Wind kehrend, schrie er laut: »Jung, du machst dich viel schlechter als du bist! Du bist keine Lump und auch keine Feigling, dir fehlt nur dat, wat uns stark macht und frei und aufrecht – zu zufriedenen Leut! Und du hast auch kein rechtes Zuhaus. Siehste, ich sag et ja immer: am jlücklichsten die, die derheim bleiben können. En eigen Haus, en eigen Stück Land – un sei et noch so jering – dat jibt ’ne Stolz: hier steh ich auf meinem Jrund; nur Jott über mir!« Er hatte sich in Feuer geredet. Es war etwas Leidenschaftliches über den ruhigen Mann gekommen; man sah es an seinen Augen, ihr Graublau war dunkler geworden, und es sprühte darin. »Weißte, Josef,« – er schlug dem Jugendfreund mit einem so kräftigen Schlag auf die Schulter, daß diesem fast die Kniee einknickten – »besuch mich nächsten Sonntag. Da hab ich Zeit. Da wollen wir weiter über die Sach reden. Et interessiert mich, wat du derjegen zu sagen hast!«
»Ich habe ja gar nichts dagegen zu sagen!« Plötzlich erheitert, lachte der andere fast. Aber sein Gesicht verdüsterte sich rasch wieder. »Es ist eben nicht jedem vergönnt, auf eigener Scholle zu sitzen. Man möchte hadern gegen den Gott – wenn es einen gibt – der die Lose so ungleich verteilt hat.«
»Nu hör aber auf!« Der Bürgermeister wurde grob. »Wenn du mit Philosophieren anfängst, dann haste verspielt. Da kömmt nix bei eraus. Du bist wohl rein jeck? ›Wenn et ’ne Jott jibt‹ – da schlag doch en Donnerwetter drein, jewiß jibt et ’ne Jott, wenn wir uns ihn auch nit eso vorstellen können, wie die Kinder sich ihn denken, mit ’m langen weißen Bart auf ’nem joldnen Stuhl. Jott ist über uns, er sieht uns und kehrt bei uns ein im heiligen Sakrament. Den Jlauben soll mir keiner nehmen, nee!«
»Du Glücklicher!« Josef Schmölder lächelte trüb, und dann streckte er dem Jugendfreund die Hand hin: »Adjüs, Bärtes! Ich komme dich besuchen. Grüß deine Frau – und nichts für ungut!«
Sie schüttelten sich die Hände; lange genug hatten sie hier oben auf zugiger Höhe gestanden, der noch nicht an die starke Luft Gewöhnte fühlte, wie der Wind ihm erkältend alle Knochen durchblies. Sie wollten sich eben trennen, als sie von einem Mädchen gestreift wurden. Eiligen Schritts, fast im Lauf, stürmte die junge Person den Fußpfad herauf.
»No, Bäreb,« sagte Leykuhlen, »wo köst du dann här? Jehst du dann net mieh no’r Fabrick?«
Die schwarzen Augen blickten nur rasch von der Seite. »Dag zusammen,« sagte das Mädchen atemlos.
»Wat löfst du dann esu der Berg erop?« Der Bürgermeister hielt sie auf. »Willste dir de Lung us ’m Hals renne?«
Das Mädchen schien das für einen Witz zu nehmen, es kicherte in sich hinein; aber dann machte es sich, ernst werdend, rasch wieder frei: »Loßt mich jonn, Hähr! Mi Motter es arg krank, seit diese Morje. Do konnt ich nit no’r Fabrick jonn. Mir hant de Frau jehollt, do saat di: hollt der Dokter. Do bin ich geloofe, han en äwer nit ajetroffe, de wor no’m Begräfniß vom Hähr aus ’m Schwan, un dann bei der Witfrau, der war et kollig[3]. Do bin ich no’m angere jejange, de wor beim Fröhschoppe, äwer de wellt nu diese Vormittag komme!«