Nun war das Pfingstfest vorüber. Vater Huesgen war mit dem Arbeiterzug in aller Frühe um vier schon nach Aachen gefahren; er kam erst nächsten Samstag wieder, aber wenn er dann heimkehrte, fand er die Mutter gewiß ganz munter, denn die Bäreb kehrte ja heut zurück. Darauf hofften sie. Gestern war sie gesprungen zu Echternach, und heute schon glaubte Frau Huesgen die wohltätige Wirkung zu verspüren. Sie fühlte sich frischer; was sie lange nicht getan hatte, sie schürzte ihr Kleid und fing an, den Melkeimer zu scheuern, und dann die Eimerbank und das Fäßchen, in dem sie so lange keine Butter mehr gedreht hatte. Wer weiß, wenn das weiter so ging, konnte sie bald Butter machen, ein paar Klütchen hinuntertragen zum Verkauf in die Stadt.
Von dem Sonnenschein des Festes lag noch über Hecken und Halden. Die Kinder zirpten noch lose wie sommerfrohe Spatzen zwischen den Hecken, sie hatten erst morgen Alltag, wenn die Schule anfing. Die kleinen Huesgens waren zur Eisenbahn gerannt, die Schwester zu holen; sie belagerten den Bahnsteig, bis der Zug aus St. Vith ankam. Aber Bäreb war nicht darin. Das war eine Enttäuschung. Ein Teil der Kinder lief heim, um der Mutter zu verkünden, daß die Bäreb nicht gekommen sei; die anderen blieben unten am Bahndamm sitzen, flitschten Steine in den vorüberquirlenden Fluß und warteten geduldig. Es kam ja noch ein Zug von St. Vith, freilich erst gegen Abend. Hei, wer zuerst die Bäreb sah und den Dores, und das der Mutter verkündete, der war König!
Kathrinchen war nicht bei den Geschwistern. Sie hütete. Bartholomäus Adams, der Nachbar am grünen Klee, hatte viel Vieh, und der hatte sie gedungen für den ganzen Sommer. Nun brauchte sie nicht wie sonst in die Schule; das tat ihr eigentlich leid, es war so schön da, und sie lernte gern, aber der reiche Bauer gab fünfundzwanzig Mark für den Sommer und was zu essen, und zum Herbst ein paar neue Schuh. Und schön war’s ja auch draußen, wo die Bienen am Rain summten und die Hirsche, wenn der Abend kam, ganz dreist aus dem Dickicht traten und unterm Vieh grasten.
Der Bauer hatte Kathrinchen die Kühe besonders auf die Seele gebunden, war ihm doch die schöne braune Kuh gestorben, trotz Doktor Dreiborn, und trotzdem man das Kalb in Stücke geschnitten hatte. »Paß op, dat se net zo viel loofe on schlag se net mö’m Stecke! De Dreiborn, de Esel! Verklagen müßt ich de Kerl! Äwer de kümmt jo su wie su in de Höll. Jibst du äwer net Aacht, dat roden ich dir, da krißte de Huck jeschurt!«
Kathrinchen hatte verständnisvoll genickt: ach ja, das war ein Verlust, die braune Kuh, da konnte man wohl drüber weinen. Aber sie würde schon Obacht geben, der ›Uehm‹ konnte ganz ruhig sein, ihr kam keine zu Schaden, der liebe Gott war ja immer bei ihr und den Kühen. Der Bauer hatte geschmunzelt: »Da krißte ooch jet, wann Markt is!«
Kathrinchen hatte sich aufgemacht, als noch der Morgentau lag, und hatte seine sieben Stück vor sich hergetrieben zum Venn hinauf. Die Wiese des Bauern war noch nicht gemäht, drum hütete es so lange hier oben.
Die Marienley war nicht fern, auf dem großen Kreuz blinkerte so hell die Sonne, daß es strahlte wie in einem Glorienschein. Der Eisenbahndamm war von hier oben gesehen ganz niedrig, die Schienen waren nicht dicker als Haare, und der Fluß, der am Damm vorbeilief, war wie ein Faden. Und es war so still hier, gerade noch, als sei es hoher Feiertag. Vom Dorf herüber kam kein Laut, nur vom Truppenübungsplatz hörte man das dumpfe Schießen.
Jetzt sah Kathrinchen auch etwas von den Soldaten: Pferde trabten geschwind – Fähnchen flatterten im Morgenwind – Staubwirbel ballten sich zu Wolken – mächtige Gäule galoppierten, Karren auf hohen Rädern schleppten sie hinter sich her. Das waren die Geschütze. Ei, das war lustig anzusehen hier aus sicherer Entfernung! Kathrinchen setzte sich behaglich auf einen der Felsbrocken unweit der Ley. Sie fühlte sich so wohl hier in der Einsamkeit, von niemandem gesehen und selber die Menschen nur sehend, als seien es Puppen. Kein Gedanke von Furcht beschlich sie, die Mutter Gottes war ja so nah dort im großen Stein, den dunklen Felsspalt erhellend mit ihrer Lieblichkeit. Wer sollte ihr hier wohl was tun?! Und Wölfe gab’s schon seit vielen Jahren nicht mehr hierzuland; früher, ja früher, wie der Herr Lehrer erzählte, da waren sie aus den Ardennen herübergelaufen gekommen in die Eifel, verhungert und gierig, und hatten Hühner gefressen und Lämmer gewürgt. Weinen hatte Kathrinchen müssen, als der Lehrer das erzählt hatte – so ein Lamm, so ein armes weißes Lämmchen zu Tode gewürgt!
Jetzt zog sie ihr Strickzeug aus der alten Strohtasche, die auch Bäreb schon umgehängt hatte, als sie noch hüten gegangen war. Kathrinchen war immer fleißig, es hatte dem Vater schon ein paar Strümpfe gestrickt und den Brüdern der Reihe nach. Nun war der Dores daran, aber für den brauchten die Strümpfe nicht so lang und weit zu sein; das ging rasch.
Ehe Kathrinchen anfing, mit den groben Nadeln zu rasseln, richtete sie die Augen zum Himmel auf, daß ihre samtige Schwärze sich erhellte vom goldigen Licht, das in sie herniederfloß, und hub ein Morgenlied zu singen an: