Jetzt waren die Reitenden gerade unter dem Lauscher, er beugte sich über den Rand des Felsens mit weitgeöffneten Augen.

Der Mond beschien zwei blonde Köpfe, die ohne Mütze, ohne Hut, ohne Tuch, die Stirnen dem kühlenden Atem der Nacht preisgaben. Ihnen machte die Liebe heiß. Es trabte der Gaul – trapp, trapp – er hatte einen Hackenstoß bekommen, sein Huf schlug so hart aufs Gestein der Straße, daß Funken sprühten. Trapp, trapp. Jetzt ein jäher Halt. Der Reiter hatte sich abgeschwungen. Da war ein kleines, verstecktes Pfädchen, das von der Chaussee zum Bach niederwärts führte, zu samtigem, duftigem Gras, zu weicher Ruhestatt. Der Reiter hob die Geliebte herab.

An eines der kleinen, neugepflanzten Ahornbäumchen wurde der Gaul gebunden. Er scharrte ungeduldig, man hörte die Hufe klappern; es plagten ihn die Mücken in der lauen Nacht. Ah, sie würden ihn noch lange plagen, der hatte gut warten! Hoch erhoben, wie ein Sieger die Beute, hatte der Liebende die Geliebte ins Versteck getragen – zusammen schlugen die Äste, man sah nichts mehr von Adam und Eva.

Wie vordem lag die nächtliche Landschaft wundersam beschienen, ein herrliches Bild, die schönste Dekoration zum schönsten Spiel. Aber Josef behagte sie jetzt nicht mehr. Was klapperte der Gaul denn so ungebärdig und schlug nach den Mücken und stampfte und schnaufte! Das störte den Frieden.

Langsam, zögernd machte sich Josef auf den Heimweg. Noch ein paar Mal schaute er sich um: der Gaul stand noch immer einsam, riesenhaft groß im Märchenschein, und scharrte die Straße. Die Glücklichen! Eine Nacht, geschaffen für die Jungen und Begehrenden. Mochten sie leben, genießen! Was ging’s ihn an, wer sie waren, woher sie kamen, wohin sie gingen?! Sie gehörten in diese mondbeglänzte Nacht, die Netze spinnt, in die alle Kreatur sich verstrickt. Er aber gehörte nicht mehr hierher.

»Josef, geh du nach Haus, leg du dich ins Bett,« sagte er, jetzt plötzlich ernüchtert, laut zu sich selber. Da – er nieste – schon ein Schnupfen! Mit lächelnder Selbstironie zuckte er die Achseln: das Liegen im Tau bekam einem eben nicht mehr!

Er beschleunigte seinen Schritt, bald war er im Städtchen. Die Turmuhr schlug Zwei. Alle Lichter waren längst erloschen, unter dunklen Dächern schliefen die Bürger. Der Nachtwächter schlief, auch der Mond ging jetzt schlafen. Josef hatte leise die Haustür hinter sich zugemacht. Kein Mensch war mehr draußen.

Aber einsam stand noch immer der Ardennergaul auf der dämmrig und dämmriger werdenden Chaussee. Immer ungeduldiger schlug sein Huf die Steine, er zerrte am Halfter, daß das junge Bäumchen sich bog, nicht viel fehlte, und er hätte es ausgerissen. Er wollte nach Haus, in den Stall, er wollte an die Raufe. Wütend schlug er mit Schwanz und Huf nach dem Geziefer. Er konnte nicht traben, nicht galoppieren, es durch den Luftzug verscheuchen; es bohrte sich ihm ins Fell, bald vorn an der Brust, bald hinten auf den Schenkeln, unterm Bauch, auf der Krupp. Er schnaufte, er brustete, seine Flanken schäumten. Er blähte die Nüstern, sie schienen Feuer zu sprühen durch die Nacht. Jetzt stieß er ein Wiehern aus, daß die Stille sich erschreckte, und machte einen entsetzten Satz, bei dem er die Hinterfüße hoch in die Luft warf, den Kopf fast vorn bis zur Erde stieß. Ein Wiesel war vor ihm hergehuscht, ein Fuchs, ein Iltis, oder sonst irgend ein Nachtgetier.

Er zitterte schreckhaft und zerrte am Halfter in nervöser Ungeduld. – – –

XI