Mit einem tiefen Aufatmen warf sich Josef auf den Boden und dehnte sich lässig in fauler Wonne. Als Kopfkissen diente ihm das Moospolster, das sich zwischen den herausstehenden Wurzeln einer Riesentanne eingebettet hatte. Von dem glatten Schiefergerutsch, auf dem er lag, fühlte er es warm aufsteigen. Oben auf der Höhe mochte es wohl schon kühl sein, aber hier zwischen den Talwänden saß noch die ganze Wärme und Lauheit der Sonne. Eine köstliche Behaglichkeit überkam ihn, wie er sie lange nicht gefühlt hatte – da noch nie! Er drehte den Kopf dorthin, wo das Städtchen versunken lag. Gott sei Dank, man sah nichts mehr davon! Hier war er allein, allein mit der Natur, die er immer geliebt hatte, geliebt und begehrt wie eine, um die man wirbt, und die man doch nie ganz besitzen kann. Er seufzte, lächelte, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blinzelte in den Mond. Daß die Welt so schön sein kann! Er hatte das ganz vergessen. Aber jetzt war alle Bitterkeit weggespült, alles Häßliche, Niedrige und Gemeine, alles, was ihn quälte, und auch das, was ihn traurig machte.

Unten in der Au lag die Fabrik jetzt still, ohne Dampf und Gestank; nur das einsame Lichtchen des Wächters, der die Runde durch die Säle machte, flinzelte wie ein Sternchen zu ihm herauf. So weiß glänzte die rußige Stätte der Arbeit, so ruhevoll und freundlich, als sei sie eine Stätte der Freude. Traumhaft ragte darüber die jenseitige Talwand; der Mond beglänzte die Leyen, daß sie alles Krasse und Fratzenhafte verloren und zu Gesichtern wurden von wohlwollenden Riesen, die über den Tannenwald herüberlugten. Tief unten rauschte der Bach. Sein Rauschen, das immer stark war, denn er fließt ständig bergab mit starkem Gefälle, hatte jetzt etwas unsagbar Mildes, Einlullendes.

»Rausche, rausche,« murmelte Josef und schloß die Augen. Er hörte die Stimme der Natur. Ah, sie sprach zu ihm, zu denen, die Ohren haben, zu hören, und Herzen, um noch zu glauben an alles Schöne und Gute! Es war Josef, als sei er auf einmal wieder stark und jung und gesund und stände noch einmal an jenem Punkt, da das Leben noch jauchzt um den jungen Menschen und willenskräftig frohlockt sein starkes ›Es werde!‹

Wie lange er so dagelegen und geträumt hatte, wußte er nicht. Als er die Augen wieder aufschlug, stand der Mond ganz voll überm Talgrund. Es war so hell, so hell, daß jeder Tannenzweig sich abhob, daß man jede Welle im silbernen Bergwasser hüpfen sah, jeden Stein im Bachbett zu erkennen glaubte – oder sah man ihn wirklich? Da war noch ein zweiter Mond. Der droben am Himmel stand, spiegelte sich tief drunten im Bach – Mond oben, Mond unten. Josef lächelte: in New-York hatte er herrliche Theaterdekorationen gesehen, aber keine von ihnen wäre dieser gleich gekommen. Und sieh, die Staffage fehlte ja auch nicht!

Das wundersame nächtliche Landschaftsbild hatte sich belebt.

Josef reckte den Hals, eine plötzliche Neugier war in ihm erwacht: wer war denn das?! Wie im Märchen! Träumte er oder wachte er?! Er rieb sich die Augen. Und dann richtete er sich aus seiner lässigen Lage ein wenig auf, um besser hinabblicken zu können auf die beglänzte Straße zwischen den Tannenwänden.

Langsam, fast feierlich, trottete ein schwerer Ardennengaul daher. Als trüge er Prinz und Prinzessin ins Zauberreich. Der Mann saß hinten, die Frau hatte er vor sich; man sah ganz deutlich, daß er den Arm um ihren Leib hielt, daß er sie jetzt an sich preßte und küßte, und daß sie den Kopf an seine Schulter legte und das weiße Gesicht zu ihm aufhob, und daß er sie noch einmal küßte, und noch einmal, und noch einmal.

Der Mond beschien hell die Reitenden. Ein Bauernbursche und sein Mädchen waren das nicht! Der Beobachtende sah blanke Uniformknöpfe unter neugierigen Strahlen aufblinkern. Aha, ein Soldat! Aber wie kam der jetzt hierher? Nein, so saß kein gemeiner Soldat zu Pferde! Es war ein Offizier, schlank und biegsam. Und sie saß auch gut, keck und unerschrocken.

Ein leises Lachen klang herauf, es mischte sich in das Rauschen des Baches und verklang.

Oh, war das schön, war das schön, wie die beiden dahinritten! Ein Bild, ein ganz wunderbares Bild. Man brauchte kein Wort von dem zu vernehmen, was sie flüsterten, man wußte es, sie sprachen von Liebe. Und Liebe atmete die ganze Natur: die Mondnacht, die Tannen, der Wildbach. Niemand auf der Welt, als nur diese zwei. So mochte es damals im Paradiese gewesen sein, so einlullend-schön, so verführerisch-still, als Adam den Apfel nahm, den Eva ihm bot, und davon aß.