Es war Josef, als sei die Enge des Hauses noch unerträglicher geworden durch den Eintritt dieses neuen Elements. Nun kam zu allem auch noch die Berechnung dazu.
»Du machst ja ein Jesicht, ein Jesicht – wahrhaftig, dat ’s doch kein Jesicht, wenn sich Hedde verlobt hat!« schrie Heinrich, als der Bräutigam sich endlich verabschiedet hatte. »Wat soll denn der Mann von unserer Familie denken? Massakriert dich hier einer?«
»Gute Nacht,« hatte Josef gesagt und war aufgestanden. »Ich will mich heut nicht mit dir zanken – ein andermal!«
»Bleib,« schrie der Vetter und versuchte, ihn am Rock festzuhalten. »Sag mal, wie jefällt dir denn eigentlich der Scheffler?!« Und als keine Antwort kam, setzte er gereizt hinzu: »Mir sehr jut!«
»Leider!« Es hatte Josef förmlich auf der Zunge geprickelt, er hatte dieses ›leider‹ aussprechen müssen.
Heinrich hatte es sehr übel genommen. ›Neidisch‹, ›hämisch‹, ›vielleicht selber auf Hedwig spekuliert‹, das alles hatte sich Josef an diesem Abend sagen lassen müssen. Und dann war er hinausgegangen; er hatte sich nicht aufregen wollen; und doch hämmerte es ihm in den Schläfen.
»Ah!« In einem tiefen, erlösenden Seufzer dehnte sich seine Brust, als die Luft des Gartens ihn bestrich. Aber sie war ihm noch nicht frei genug. Mehr Luft, freiere Luft, hinaus aus der Enge, höher hinauf! Er schloß ein Seitenpförtchen auf und trat auf die Straße; er ging sie zu Ende und ging immer weiter, bis in die Au hinein, schlug dann, ehe er an die Fabrik kam, den Fußpfad nach Heckenbroich ein und stieg ihn langsam, öfter stehen bleibend und tief atmend, hinan.
Wie herrlich! War das eine Nacht! Eine Nacht, wie geschaffen zum Lieben und Glücklichsein. Ein Hauch von Erinnerungen war in der linden Luft – von süßen Erinnerungen – ach, das war jetzt alles vorbei, er war alt geworden, wenigstens zu alt für die Torheiten der Liebe!
Er seufzte auf und sah sich um. Weit hinten, in ihrem Kessel schon ganz versunken, lag die Stadt; nur die Burg war noch im Mondlicht zu sehen und die Felsen, die wie ein Tor die Chaussee umbauen. Noch stand der Mond nicht hoch, aber nicht lange mehr, und er würde ganz hinter der jenseitigen Höhenwand hervorgewandelt sein, senkrecht über dem Tale stehen und es übergießen mit vollem Licht. Dann mußte die Nacht noch herrlicher werden, noch traumhafter schön, noch überirdischer. Es galt zu warten. Wer vermißte ihn denn auch?! Die im Hause schliefen, er konnte hier nächtigen, wenn er wollte, keiner wurde es gewahr.
Eine schier jungenhafte Seligkeit überkam ihn, heute noch einmal seine Freiheit auszukosten. Wenigstens hier war er frei, frei! Hier durfte er ganz er selber sein!