»Was – wer – Abeking?!« Hastig sprang Scheffler aus dem Wagen; er war bleich und nervös. Als er jetzt in die Stube trat, wo auf dem Kanapee, den Kopf mit nassen Kompressen belegt, die von Frau Leykuhlen unablässig erneuert wurden, der junge Leutnant lag, zuckte er zusammen. Am Tisch saßen der Stabsarzt und Schmidt, die Köpfe gesenkt; sie sagten kein Wort. Scheffler nickte ihnen zu, und dann trat er näher zum Kanapee und betrachtete das scheinbar leblose, entstellte Gesicht mit seltsamen Blicken unter halb-geschlossenen Lidern. »Bös, bös!« Er runzelte die Brauen. Und dann winkte er dem Stabsarzt: »Einen Augenblick, Doktor, wenn ich bitten darf!«
Sie gingen hinaus vor die Hecke und wandelten dann, außer Hörweite des wartenden Kutschers, langsam auf und nieder. Sie sprachen heimlich. »Zu unangenehm, mir riesig fatal,« sagte zuletzt der Adjutant lauter. »Wenn nur mein Schwiegerpapa nichts davon erfährt! Er könnte ja sonst einen netten Begriff kriegen!«
»Hoffentlich spricht der andere Herr Schmölder – nicht wahr, es ist der Vetter von Ihrem Herrn Schwiegervater, der es Ihnen erzählt hat? – nicht weiter darüber?«
»Ich habe sein Ehrenwort verlangt!«
»Na, hoffen wir denn das beste! Sonst –« der Stabsarzt zuckte die Achseln und machte ein bekümmertes Gesicht – »sonst ist der arme Junge geliefert. Dann wäre es besser gewesen, er hätte gleich den Hals gebrochen!«
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Josef Schmölder hätte sich prügeln können, daß er heute wider Willen den Verräter gespielt hatte. Wer hatte ihn nur geheißen, als er den Bräutigam sein Spätkommen damit entschuldigen hörte, daß ein Kamerad verloren gegangen sei – Leutnant Abeking, man hatte ihn den ganzen Tag gesucht, in der Furcht, er sei verunglückt – was hatte ihn da nur angetrieben, ein wenig zu lächeln und eine jener Bemerkungen zu machen, die ihm schon so oft einen vorwurfsvollen Blick der Cousine und von Heinrich ein ›Donnerwetter‹ eingetragen hatten?! »Cherchez la femme!« Weiter hatte er nichts gesagt. Aber Scheffler hatte ihn bald nachher bei Seite gezogen und ihn dringend gebeten, wenn er nur irgend welche Vermutung habe, sie ihm, ihm ganz allein, anzuvertrauen – des Kameraden wegen, den sie alle sehr lieb hätten, der fast noch ein Knabe sei, und um den sie sich aufs schwerste beunruhigten.
Josef konnte freilich nicht sagen, ob der, den er gestern in der Nacht in einer so seltsamen Situation gesehen hatte, der Leutnant Abeking gewesen war. Aber er fühlte sich doch jetzt verpflichtet, seine Beobachtungen mitzuteilen. Fast ein Knabe noch – wer weiß, ob er da nicht helfen konnte?! Und er hatte erzählt. Aber als er alles erzählt hatte, fortgerissen von der eigenen Schilderung, war ihm das kalte Gesicht des Offiziers auf einmal wieder so unangenehm gewesen, daß er es bereute, nur ein Wort verloren zu haben. Arme Hedwig, dummes, kleines Mädchen, so kalt, so kalt war dieses Gesicht! Würde dieser jetzt so liebenswürdige Mann einst rauh und hart zu der kleinen Frau sein und – würde er sie vielleicht auch noch betrügen?!
Josef fühlte einen immer mehr sich steigernden Widerwillen gegen den Bräutigam. Vom ersten Tage an hatte er diese Abneigung gehabt, vom ersten Abend an, als er dem lächelnden, sich an den Händen haltenden Brautpaar gegenüber gesessen hatte. War denn Heinrich ganz verblendet? Merkte er denn nicht, wie geschmeidig der Leutnant sich den Interessen des Hauses anzupassen suchte? Tappten denn Vater und Mutter blind zu? Und das sollte man mit ansehen, alle Tage?