Die Frau trat dicht neben ihn, sie legte den Arm um seinen Nacken. »Bärtes, wat machste dir für Jedanken – o, ich kenn se all!« Sie klopfte ihm gegen die heiße Stirn. »Du denkst, wenn die Leut sterben, die Männer von ihren Frauen weg, die Ernährer von ihren Kindern, dann bist du dran schuld, weil wir noch kein Wasserleitung haben im Dorf. Weil die Leut immer noch aus ihren Pötzen trinken. Ach, dat is ja all dumm Zeug!« Sie versuchte zu lächeln; es gelang ihr auch, ihre Stimme klang heiter: »Bärtes, du hast zu schwer Blut! Herr Schmölder« – sie wandte den Blick ihrer klaren Augen jetzt Josef zu – »ich kenn meine Mann jetzt jar nit mehr, er is doch sonst auf ’m Platz, zu juter wie zu böser Zeit. Und er hat doch auch sonst immer jewußt, dat über uns einer is, der alles so macht, wie et jut is. Laß se doch reden, Bärtes, laß se doch schimpfen, laß se doch schreien: en Wasserleitung hätt jebaut werden müssen! Laß se doch, Bärtes! Ich, dein Frau, ich sag dir: recht haste jetan, janz recht!« Sie reckte ihre Gestalt mit dem sonst immer ein wenig geneigten Kopf zu ihrer schlanken Höhe auf: »Recht haste, Bärtes!«

War das eine Energische! Josef hätte das gar nicht von der zurückhaltenden, sonst immer wenig Worte machenden Frau erwartet. Jetzt floß ihr ja die Rede vom Mund – und aus dem Herzen; und das war die Hauptsache. Eine prächtige Frau, auch eine schöne Frau! Das war ihm vordem nie aufgefallen. Aber auf diesem Gesicht mit den einfachen Linien lag jetzt soviel Hingabe, soviel felsenfestes Vertrauen, daß es schön wurde und auch jung, ohne doch eigentlich jung mehr zu sein. Und ihre Stimme klang frisch.

Als Frau Mariechen jetzt ihre Wange auf die Stirn ihres Mannes legte, schien sie des Fremden Anwesenheit völlig vergessen zu haben. »Bärtes,« flüsterte sie in ihn hinein, »Bärtes, sei doch nit esu bang!« Und dann wurde ihre Stimme ermutigend; das Anfeuernde lag noch mehr im Ton als in den Worten. Sie faßte ihn bei beiden Schultern und sah ihm tief in die Augen: »Mann, Mann, wer ein rein Jewissen hat, der braucht doch keine Mensch zu scheuen. Und du hast en rein Jewissen, Bärtes, so wahr ein Jott lebt!«

»Deine Frau hat ganz recht, Bärtes,« sagte Josef und nickte dem Freund zu. Er wollte auch Frau Mariechen zunicken, aber sie hatte sich losgemacht und war rasch hinausgeeilt, errötend wie ein Mädchen, dessen Liebesgeständnis ein Unbefugter belauscht hat. »Du hast ’ne famose Frau, Bärtes!«

»Dat weiß ich, dat weiß ich!« Der Bürgermeister lächelte, aber es war nur ein flüchtiger Glanz, der über sein Antlitz huschte. »Sie jlaubt an mich. Sie weiß ja auch, wie ich’t jemeint hab – wenn ich nur andere davon auch überzeugen könnt! Oft mein ich jetzt, ich hab doch nit dat Richtge jetan. Jott, Jott –« er verstärkte plötzlich seinen Ton, stützte beide Arme auf den Tisch und den schweren Kopf zwischen sie – »wenn ich dächt, dat durch en Wasserleitung die Typhusjefahr abjewendt wär, ich könnt mir die Haar aus ’m Kopf reißen, dat se noch nit jebaut is!« Er faßte sich mit beiden Händen in die Haare und riß daran. »Ich Esel, ich Schafskopp, ich Doof-Uehl!«[22] Er stöhnte auf und schloß die Augen wie in einem Schwindel.

Es war heiß und still in der Stube, man hörte das Fliegengesumm. »Josef!« Etwas ruhiger geworden, hob der Bürgermeister jetzt wieder von neuem an: »Siehste, Josef, mer meint et so jut und macht et doch immer all verkehrt – und dat macht eso traurig. Is et dir auch als so erjangen?« Fast hilflos sah er den andern an, auf seiner Stirne perlte der Schweiß.

»Und ob!« Josefs Mund verzog sich zu einem leicht-ironischen und doch auch bitter-traurigen Lächeln. »Ob’s mir so ergangen ist?!« Er sagte mehrmals rasch hintereinander: »Immer! Öfter als dir, Bärtes, das kann ich dir sagen. Du bist doch ein anderer Kerl. Dich möchte ich beneiden – jetzt doppelt, weil ich weiß, was du an deinem Mariechen hast. Ich habe niemanden!« Er seufzte. Aber rasch die Bewegung abschüttelnd, die ihn erfaßt hatte, lachte er auf. »Wir leben nun einmal, alter Junge, leben, um alles verkehrt zu machen. Das ist nicht anders. Wie’s uns ergeht, geht es noch vielen; ich könnte dir Exempel von Beispielen erzählen – oh! Aber ich denke, wenn wir wenigstens das Gute anstreben, das, was wir als das Gute erkannt zu haben glauben, das ist doch schon immer etwas!«

»Dat is nit jenug,« sagte der Bürgermeister langsam und stand schwerfällig auf. »Ich will dir wat sagen, Josef! Et jibt en Lied in der Kirch – du kennst et jewiß nit mehr – dat lernt mer auch schon in der Schul. Et heißt drin:

›Unser Wissen und Verstand

Ist mit Finsternis umhüllet,