Der junge Leutnant war fort. Seine Kopfwunden gingen nicht ans Leben, aber er war doch fort; nicht in seine Garnison zurück, er hatte Urlaub bekommen – auf unbegrenzte Zeit. Und der Abschied würde nachfolgen, das wußten alle mit den Verhältnissen Vertraute. Das legte einen Druck auf die Gemüter.
Kein Mensch wußte zu sagen, wie die Geschichte eigentlich ruchbar geworden war – was wäre denn sonst so Schlimmes dabei gewesen: ein junger Mensch reitet im Dusel einmal zum Liebchen, unvorsichtig, tollkühn, er stürzt – aber nun, nun?! Es war alles zu offenkundig. Es war unmöglich, Abeking konnte nicht bleiben.
Leutnant Schmidt und der Stabsarzt hatten sich bis jetzt noch immer nicht entschließen können, wieder im Schwan zu kneipen. Aber die Neugier plagte sie: was mochte die schöne Helene wohl für ein Gesicht machen?! Es war ein Jammer um den Abeking, ein so netter Junge, ein so lieber Mensch, und Offizier dazu mit Leib und Seele! Was fing er jetzt an? Er saß nun zu Hause bei Muttern. Eine verkrachte Existenz, ein zerstörtes Leben, ehe es noch eigentlich recht angefangen hatte. Als Mann konnte man ihn voll und ganz verstehen: es war ja nur eine Dummheit gewesen, eine verliebte Torheit. Diese Helene, dies Teufelsweib! Daß sie es gewesen war, die der verliebte Junge zu einem Schäferstündchen im Waldesdunkel entführt hatte, von dem er dann, wie im Rausch, davongesprengt war, so blind und toll, daß der Gaul, erregt durch die Erregung des Reiters, wild wurde und scheute, das zirpten alle Spatzen von den Dächern. In den Augen ihrer Freunde hatte die schöne Frau darum aber nicht verloren: im Gegenteil; sie war nun mal so! Und sie hielt schadlos für manches andere. Was hätte man denn sonst machen sollen, in dieser völligen Weggesetztheit?!
»Ich seh et schon, lang dauert et nit, und wir sind wieder am Herunterfahren,« sagte der Rheinländer. Und der Stabsarzt sagte ganz ernsthaft: »Dann wollen wir aber alle drei an Abeking ’ne Postkarte schreiben. Der arme Kerl!«
Vorläufig fuhr nur Scheffler herunter, so oft der Dienst es erlaubte; er war ein sehr verliebter Bräutigam. –
»Bärtes, es ist nicht mit anzusehen,« sagte Josef Schmölder, als er heute heraufkam, den Freund zu besuchen. Er hatte es nicht mehr ertragen können, unten nur von der Ausstattung, von Wäsche – Leibwäsche, Tafelwäsche, Bettwäsche – von Silber und von Möbeln reden zu hören. Scheffler drängte darauf, daß die Hochzeit schon zum Winter sein sollte, aber – »Gott sei Dank, da ist Heinrich doch fest geblieben,« sagte Josef. »Er gibt Hedwig allerfrühestens nächstes Frühjahr fort. Der Herr Bräutigam ist zwar ganz unparlamentarisch geworden, und die kleine törichte Person hat geweint; aber es hilft ihnen alles nichts. ›Mai frühestens, so wahr ich Heinrich Schmölder bin‹, hat er gesagt. ›Und wenn Ihnen das nicht paßt, so lassen Sie’s bleiben!‹ Dabei hat er dem Monsieur ganz unverfroren ins Gesicht gesehen!« Josef lachte. »Das hat mir ordentlich gefallen vom Heinrich – er ist doch ein Kerl! Es sei ihm darum manches verziehen, was er mir an den Kopf geworfen hat, der Grobian!«
Leykuhlen lachte nicht mit. Er war heut nicht wie sonst, seine Frische war fort. Josef glaubte auf dem glatten, braunroten Landmannsgesicht Furchen zu sehen, die ein Kummer gepflügt hatte.
»Was ist das heute mit dir, Bärtes,« sagte er herzlich und sah dem großen Mann, der vor dem Kanapee stand, in dessen ausgesessene weiche Ecke er sich bequem hineingedrückt hatte, von unten her in die Augen. »Hast du Ärger gehabt? Du bist auch traurig; das paßt gar nicht zu dir!«
»Er macht zu viel Jedanken,« sagte Frau Mariechen, die aus dem Schrein die buntblumigen Kaffeetassen hervorholte und auf den mit weißer Serviette gedeckten Tisch stellte. Auch sie sah von unten her ihren Mann an; es war eine demütige Besorgnis in ihrem Blick. »Ach, sagen Sie et ihm doch, Herr Schmölder, dat er recht dran jetan hat, die Kirch zu bauen. Und dat er doch nit dafor kann, dat die Krankheit nu auch im Dorf is!«
Wie, war hier auch Typhus? Josef machte ein betroffenes Gesicht. Aber ehe er etwas sagen konnte, sagte Leykuhlen schon: »Wir haben bereits zwei Fäll im Dorf. Vorjestern der Peter Jans, unten in der Lämmerjaß; jestern der Mechernich am jrünen Klee. Torfarbeiter, arme Leut mit vielen Kindern. Und wer kömmt nu an die Reih?« Mit einem tiefen Seufzer setzte er sich schwer auf den Stuhl an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand.