Die Herren winkten; nun konnte er nicht anders. Unwillkürlich hob er den Kopf: nein, das sollten sie nicht denken, daß er ihnen auswich! Mit ein paar großen Schritten war er über der Gasse; nun stand er unter dem Fenster: »Tag zusammen!«
»Kommen Sie denn nicht herein?«
»Ich bin et nit gewohnt, hier ’ne Frühschoppe zu trinken!« Aber wenn die Herren ihm etwas zu sagen hatten, kam er schon herein. Er trat ein und setzte sich zu ihnen an den Tisch.
Der schönen Wirtin Augen funkelten; sie machte sich am Büfett zu schaffen und räumte, was sie sonst nie tat, zwischen den Gläsern auf. Das wollte sie doch auch gern mal hören, wie die den Bürgermeister zwischennahmen. Das gönnte sie ihm. Es regte sich etwas wie instinktiver Haß in ihr gegen diesen Mann, der ihr abgeneigt war; und daß er das war, das fühlte sie seit langem schon. Was hatte sie ihm eigentlich getan? Er war doch ein stattlicher, ansehnlicher Mann – warum war er denn so eklig gegen sie?! Eine starke Röte stieg ihr in die weiße Stirn: der, der hätte am liebsten alle abgehalten, hier herunter zu kommen! Der, der war gar am Ende dran schuld, daß der arme Junge, der Abeking, geschaßt worden war?! Ob er sie und Abeking wohl auf dem Gaul hatte reiten sehen als verliebtes Pärchen in der Mondscheinnacht?! Mit unsicheren Blicken lauerte sie zu ihm herüber.
Leykuhlen saß das Gesicht ihr zugekehrt, aber er achtete ihrer gar nicht. Das war sie nicht gewohnt, das boste sie gewaltig. Wenn sie ihm nur ordentlich die Hölle heißmachten! Sie hob sich unwillkürlich auf den Zehenspitzen und reckte den Hals lang, ihre Zungenspitze züngelte im Lächeln zwischen den Zähnen vor: aha, jetzt kriegte er’s aber mal!
Der Landrat hatte gesprochen: »Wie steht’s bei Ihnen oben, Bürgermeister? Noch sind mir keine neuen Fälle gemeldet worden, aber mit dem einen Ihrer Erkrankten soll’s ja sehr schlecht stehen. Ist dem so?«
»In der Tat!« Leykuhlen hatte den Rücken von der Stuhllehne gehoben und saß nun da, ohne Lehne, kerzengerade. Aha, ein Verhör! »In der Tat, Herr Landrat, dem Mechernich wird et wohl an den Kragen jehen!« Er tat gleichgültig, aber die Stimme konnte seine innere Erschütterung nicht verhehlen.
»Das ist der Fall am grünen Klee, da, wo die Brunnen besonders schlecht sind, Herr Landrat,« erklärte der Kreisphysikus.
»Ja ja, ich weiß, ich weiß, ich bin ganz genau orientiert!« Der Landrat zog die Brauen hoch. »Es ist sehr bedauerlich. Das brauchte nicht zu sein. Die Familie brauchte nicht des Ernährers beraubt zu werden!« Er wechselte einen raschen Blick mit dem Kreisphysikus und neigte sich dann mit einer impulsiven Bewegung zu Leykuhlen hinüber: »Bürgermeister, Bürgermeister, warum habt ihr nicht längst eine Wasserleitung gebaut?! Nun heißt es wieder: Venn, Venn, Sumpf – aber das schlimmere, viel schlimmere Übel ist eure Verbohrtheit! Ohne gesundes Wasser keine gesunde Bevölkerung. Und Licht, Luft in die Häuser! Die Hecken nieder, die Fenster auf, und Wasserleitung in jedes Haus!«
»Und ein Krankenhaus an den Ort,« ergänzte der Physikus. »Wie oft ist unser städtisches Spital überfüllt, so überfüllt, daß wir unbarmherzig abweisen müssen!«