»Und –« der Landrat wollte noch etwas sagen, um wiederum den Kreisphysikus zu ergänzen, aber der Bürgermeister schnitt ihm gegen alle Regeln der Höflichkeit die Rede ab.

»Ich denk, wenn wir en Wasserleitung hätten, wären wir all so gesund, dat wir kein Krankenhaus mehr gebrauchten,« sagte er ohne allen Hohn, aber mit Nachdruck. Und dann stand er auf: »Nu weiß ich ja Bescheid, nu kann ich wohl jehen, meine Herren!« Er reckte sich in seiner ganzen Größe; dann ließ er seine blauen, jetzt so feurigen Augen rasch nach dem Büfett hinblitzen: wer hatte da gekichert?!

Die schöne Helene wurde dunkelrot. Ein Blick der Verachtung hatte sie getroffen, einer so sprechenden, einer so deutlichen Verachtung, daß ihre Kniee zu beben anfingen. Sie stahl sich zum Türchen hinaus. Draußen im kleinen Gang, der zu ihrem Privatgemach führte, stand sie, zitternd vor Wut, und preßte doch die Fäuste gegen den Mund, um nicht laut herauszuweinen. Sie schämte sich auf einmal so – warum? Sie wußte es selber nicht. Unklare Empfindungen stürmten auf sie ein. –

Die drei Männer am Stammtisch waren aufgestanden. Es war eine gewisse Kühle in dem Händedruck, mit dem die beiden Herren Leykuhlen verabschiedeten. Er fühlte die Kälte. Den Nacken hielt er steif. Nun noch das Letzte gesagt! Und er sagte mit einem tiefgeschöpften Atemzug, ohne mit der Wimper zu zucken: »Nu will ich Ihnen auch not wat sagen, Herr Landrat, und Ihnen, Herr Kreisphysikus! Ich bin herunterjekommen, weil, weil – ich hab et dem Doktor mitjeteilt – mich wundert, dat Sie et nit schon zu wissen jekriegt haben – seit heut morgen ist auch ein Knabe vom Weber erkrankt. Der wohnt auch am jrünen Klee. Et wird wohl auch Typhus sein. Morgen zusammen!«

Er ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie riefen ihn auch nicht zurück. Sie standen ein paar Augenblicke da und sahen sich stumm an, und dann setzten sie sich stumm wieder nieder zu ihrem Wein. Aber er schmeckte ihnen nicht mehr.

Bleiern lastete der Himmel über der Gasse. Unter dem bleiernen Himmel schritt Leykuhlen hin. Solange er noch in der Stadt war, behielt er seine aufrechte Haltung bei; aber nun, da die hochgegiebelten Schieferdächer hinter der Felsnase des Burgfelsens untergetaucht waren, veränderte sich seine Haltung. Er sank förmlich in sich zusammen. An der steinernen Brüstung der Straße, hinter der große, rundgewaschene Felstrümmer das Flußbett füllen, stand er still. Ein Zittern war in seine starken Knie gekommen, er lehnte sich gegen das Steinmäuerchen. Sie hatten ihn doch nicht klein gesehen! Aber kein Triumph war in seinem Innern – denn hier war er allein, und hier war er, ach, so klein!

Einen schweren Blick ließ er rundum gleiten. Da war die liebliche Au, und über die Tannen der Höh guckten die Leyen. Aber heute atmete er hier nicht auf, wie sonst, wenn er der Stadt entronnen war. Heute dünkte ihn der Sommertag unerträglich. Diese Hitze! Hier unten gaben die Talwände noch einigen Schatten, am Wasser war das Grün sogar noch grün, aber oben, oben waren die Matten ja längst gelb, das Gras verdorrt bis in die Wurzeln. Wie sollte das noch werden?! In diesem Jahr gab es keine Weide mehr; und wenn man jetzt schon vom eingebrachten Heu zehrte, womit sollte man das Vieh denn durchfüttern den langen, endlosen Winter? Und wenn die Regierung auch aushalf, wie in anderen futterarmen Jahren, viel Vieh würde doch verkauft werden müssen, losgeschlagen um jeden Preis. Zu helfen stand nicht in Menschenmacht – einzig helfen konnte nur der, der da droben!

Er richtete seine Augen zum Himmel. Wenn er regnen lassen wollte! Tagelang, nächtelang, daß sich der vertrocknete Boden vollsog, daß die Wurzeln noch einmal ausschlugen, daß die Weiden sich neu begrünten, daß die geborstene Erde ihr durstig geöffnetes Maul schloß. Dann konnte noch alles gut werden. Nur Regen, Gott im Himmel, nur Regen!

Die Sonne hatte sich für wenige Augenblicke hinter bleierne Wolken verzogen. Ha, da war sie schon wieder! In geradezu quälender Helle strahlte sie nieder. Es schwamm Leykuhlen vor den Augen, mit einem Seufzer drückte er die Lider zu: und wie sollte es mit der Krankheit werden? In dieser Luft wurde es damit nicht besser. Nun war der Knabe erkrankt, der Dores – war es auch Typhus? Noch wußte man es nicht bestimmt, der Doktor sollte es erst feststellen; aber die völlige Bewußtlosigkeit, in der das Kind lag, ließ wohl kaum eine andere Deutung zu. Der blöde Knabe kroch überall herum, wer weiß, was er sich in den Mund gestopft hatte! Mariechen war gleich zu den Huesgens gegangen, als Kathrinchen die Krankheit melden gekommen war, und er war herunter zum Doktor gelaufen. Ach, es war doch eine Wohltat, sich wenigstens in etwas zu betätigen! Zu viel, allzuviel hatte er schon versäumt – konnte er es je wieder einbringen?!

Mit heftiger Gebärde riß der Mann die Lider wieder auf, seine Augen fuhren umher: ›Gott Vater, Sohn und heiliger Geist, seht uns arme Sünder, seht mich armen Sünder zumal, erbarmt euch!‹