[2] Hitziger, fahriger Mensch.

[3] Unwohl.

[4] Erschreckt.

[5] Bedenkliche Sache.

II

Es hatte lenzen wollen, zu früh in diesem Jahr. Nun kam der Schnee noch nach. Kein tiefer, fester Winterschnee, der unter den Tritten knarrt und die breiten Äste der Tannen belastet mit glitzernder Pracht, der für Wochen und Wochen Heide und Weide in flaumweiche schützende Decken einwickelt und erst schmilzt, wenn wahrhaftiger Frühling kommt und die Schneelasten zu tauenden, befruchtenden Quellen wandelt, die die Bäche füllen, die Brunnen versorgen, jede Graswurzel tränken. Flüchtig weilende Flocken wirbelten dahin, aber sie näßten, erkälteten, durchschauerten bis ins Mark. Atemberaubend fauchte der Wind in Stößen, zerrte an den Kleidern, raffte Schnee zusammen und warf ihn wütend denen ins Gesicht, die sich ihm entgegen zu stemmen wagten.

Hinter seinen hohen Hainbuchenhecken, die sich giebelhoch, mit mauerfestem Astgefüge schützend vor jedes Haus im Dorf stellen, duckte sich Heckenbroich. Aber weiter hinauf oben auf dem Vennbuckel gabs keine schützenden Hecken mehr. Überhaupt keinen Schutz. Einem Ungeheuer gleich, gierig, zischend, pfeifend, schnaufend, bellend, brüllend tobte der Nordweststurm. Gewaltige Wolkengebilde rollten ihre schweren Leiber übers raschelnde Kraut. Keine Ahnung von Himmelsblau, kein Durchblick in die Ferne; alles grau, erloschen, verhangen, stumpf, tot. Und trostlos.

Und doch bauten sie. Die fünfzehn unter Simon Bräuer. Wie aus Stein stand der schwarze Kerl, die Beine breit gesetzt, den Kopf steil aufrecht; der Wind tat ihm nichts, er zwinkerte nicht einmal, wenn ihm eine Ladung Schnee wie nasser Sand gegen die Augen flog und sich ihm an die Wimpern klebte. Mit dem Auge des Raubvogels, dem runden, weitsichtigen, stoßsicheren, beäugte er seine Leute. Und sein Ton war hart, wenn er kommandierte. Pah, so ein bißchen Windrumoren und Nebelspreuen, was machte das? Es konnte hier noch ganz anders blasen. Er kannte das. Nicht umsonst hatte er als verwaister Junge hier oben den Bauern das Vieh gehütet und Beeren zwischen den Mooren gesammelt und später Torf gestochen und aufgesetzt und, knöcheltief im Wasser stehend, das Vennheu gemäht. Hier war er herumgestoßen worden von einem zum andern, hier hatte er gefroren und oft auch gehungert, und doch, und obgleich es ihm beim Militär so gut gegangen war – satt Essen und Trinken, warme Montur, freie Wohnung in den Kasematten in Köln, nie Arrest – er hatte sich doch immer hierher zurückgesehnt. Hier war seine Heimat.

Simon Bräuer, dem langgedienten Unteroffizier, der dann Aufseher zu Siegburg gewesen war, hatte man es gern bewilligt, als Pionier voranzugehen; es hatten sich ohnehin nicht viele gemeldet zur Kolonisation oben im Venn. Er hatte sich dazu gedrängt. Seine Frau hatte zwar geweint, seine Kinder sich an ihn gehängt – nein, dahin wollten sie nicht mit ihm gehen – aber er hatte kurz gesprochen: »Ich geh!« Wenn die Geschichte hier oben erst ordentlich im Gang war, zum Sommer vielleicht, dann sollten sie nachkommen.

Und nun atmete Simon Bräuer wieder Vennluft. Die Nasenflügel gebläht, die unter dem Schnauzbart sonst so fest aufeinandergesetzten Lippen halb geöffnet, schlürfte er den feuchten Schneedunst ein. Das tat ihm gut. Er hatte nicht einmal den dicken Uniformrock angetan, er ging im Leinenkittel; ihm war warm. Was froren denn die Kerle, warum klapperten sie mit den Zähnen?! Er fuhr sie an: hier wurde nicht geschnattert, wie alte Weiber tun, und auch nicht gehustet. Hier wurde frisch drauf los geschafft, nicht in die Hände gepustet und mit den Füßen gestampft! Er lachte.