»Frieren dir die Poten ab?« sagte er zu einem jungen Menschen, der, blau vor Kälte, in seinen Holzschuhen schlotterte. »Wenn du arbeitest, frierste nit – voran!«
Einen bösen Blick unter gesenkten Lidern herauf schoß der Sträfling, nur einen einzigen, Sekunden dauernden, kurzen Blick, aber der Aufseher schrie ihn an: »Hier wird nit jemuckst!«
Nein, sie hätten ja auch kein Wort gewagt. Mit gesenkten Köpfen, wie eine Herde, betäubt von Unwetter mit Blitz und Donnerschlag, so duckten sie stumm unter. Vor ihnen lag das Venn, ohne Schranken, frei und offen; sie hatten zwei Beine, Füße zum Laufen, wer wollte sie hindern, davonzurennen, dahinzuschießen wie ein Pfeil, vom straffen Bogen geschnellt? Dieser einzelne Mann doch wohl nicht?! Und doch rannte keiner. Sie waren wie geschlagen, wie gelähmt.
Nun arbeiteten sie schon ein paar Wochen hier; vom ersten Tagesstrahl an bis in den sinkenden Abend, bis die Nebel so dicht übers Venn krochen, daß sie wie in Wolken standen, daß keiner zehn Schritt weit den andern sehen konnte. Es war jetzt über sie selber eine Hast gekommen, war es doch ein zu schlechtes Kampieren in dem alten Torfschuppen, der an der Chaussee steht, die das Venn quer durchschneidet.
Dort schloß der Aufseher sie des Nachts ein; er selber schlief im nächsten Haus des Dorfes und machte nur dann und wann unvermutet einmal die Runde. Er hätte auch das nicht nötig gehabt. So oft er aufschloß und mit der Laterne die fernsten Winkel der Strohhütte beleuchtete, sie waren alle da, und keiner von ihnen rührte sich.
Man hatte die kräftigsten unter den Gefangenen zu der Arbeit im Venn ausgesucht. Es hatten sich auch viele unter ihnen dazu gemeldet, mancher mochte wohl gedacht haben: da oben kannst du gut weg. Jetzt aber lagen sie hier ganz gleichgültig, wie Hunde in sich zusammengekrochen, und was sie sich auch gedacht und erwartet haben mochten von der größeren Freiheit, jetzt hatten sie nur das eine Verlangen: schlafen, schlafen. Sie waren totmüde und eiskalt. –
Ein Stück Land war schon gerodet und planiert, man hatte Strünke und Heidegestrüpp abgebrannt und einen Zaun darum aufgeführt, roh aus Fichtenstangen zusammengeschlagen. Nun erhob sich in halber Manneshöhe bereits der Bau.
Die Dörfler hatten etwas zu bereden und zu besehen auch; sie standen von weitem halb neugierig, halb scheu. Man hatte den Frauen und Kindern verboten, nahe heran zu gehen – rumorten nicht jene Gestalten da wie die bösen Geister des Venns, den Sümpfen entstiegen?! Mit unheimlichem Druck lastete diese Nachbarschaft auf Heckenbroich.
Der Bürgermeister bekam in der nächsten Gemeinderatssitzung etwas anzuhören: wofür war er denn Bürgermeister und hatte das Wohl der Gemeinde zu vertreten, wenn er so was zustande kommen ließ? Nicht sicher war man jetzt mehr im eigenen Haus, man mußte zuschließen. Und wie sollte das erst werden, wenn die Beeren reiften im Herbst? Konnte man dann noch Frauen und Kinder sammeln schicken auf das Venn, wo die Verbrecher, die Halunken – Mörder wohl gar – sich herumtrieben?! Lange Jahre hatte man in Frieden im Dorfe gelebt, nun hatte man zu einer Hand das Lager – schlimm genug, daß die Soldaten den Mädchen nachpfiffen und daß man sich fürchten mußte auf dem eigenen Acker, wenn Scharfschießen war – aber schlimmer noch war das Haus, das sie einem da im Rücken bauten. Das würde man sich nicht gefallen lassen! Hundert Jahre und darüber hatte das Venn dem Bauer gehört, er hatte sich dort Holz gehauen, wenn’s ihm beliebte – ganze Tannen waren verschwunden in den Öfen von Heckenbroich – Torf hatte man sich gestochen und Streu geholt, wenn’s Stroh knapp war, und nun kam auf einmal die Regierung, die sich sonst einen Dreck um das Venn gekümmert hatte, und legte die Hand darauf und setzte einem Gesindel her, vor dem man sich grausen mußte. Steine sollte man den Kerlen nachwerfen, wenn sie Sonntags durchs Dorf zur Kirche getrieben wurden – mochten sie beten, wo sie wollten, nicht hier!
Der Bürgermeister hatte viel zu beschwichtigen. War es etwa seine Schuld, daß man ihnen die Strafkolonie so auf den Hals gerückt hatte?! Da hätte man sich eben selber daran machen müssen, das Venn anzubauen. Ganz verschließen konnte man sich da der Einsicht nicht, daß die Neu-Anforstungen, gegen die man auch erst sich so mächtig gewehrt hatte, jetzt schon das Klima verbessert hatten, dem Wild Schutz gewährten und dem Wanderer, der ohne diese Schonungen sich ganz und gar verloren haben würde, wenigstens in etwas die Richtung angaben?! Diese weiten, öden Strecken von Sumpf und Heide – verlorenes Land – konnten sie der nächsten Generation nicht schon vielleicht Wiesen und Kartoffel- und Roggenäcker bieten?!