Bürgermeister Leykuhlen machte viele Worte, aber er überzeugte nicht. Es gab ein dröhnendes Gelächter im Gemeinderat.

»Dat sinn woll ooch eso ’n neumodsche Ideen, Hähr Burjermeester? Für eso jet sin mir net zo han. Ihr sedd im Jrongd jo ooch net dofür!« sagte der Bauer Balthasar Adams vom Hof am grünen Klee, einer der gewichtigsten von Heckenbroich und der höchste Steuerzahler. Er wurde ganz energisch: »Nee, mir bliewe beim Alde. Mir trecke oß Vieh, mir mähe oß Jras, un wann mer zo wennig han, dann welle mir oß Venn behalde för oß uszehelfe. Oß Äldere woren domit zofredde, oß Jrußäldere ooch – nu hammer als die Iserbahn, dat is mieh wie jenug!«

Wahrhaftig, da hatte der Adams ganz recht! Es war gar kein Glück, wenn immer alles anders wurde, als es früher gewesen war. Wenn die Regierung helfen wollte, sollte sie lieber dem armen Mann ein Sümmchen vorstrecken, bar, gegen geringe Zinsen oder gegen gar keine, daß er sich noch eine Kuh zukaufen und sein Anwesen ausbauen konnte. Und in Futtermangelzeiten sollte sie Heu liefern und der Gemeinde überhaupt von den Steuerlasten abhelfen. So war der Eifel gedient. Dann würde bald nicht mehr geschrieen werden: »Arme Eifel!«

»Aber wir sind ja jar nit arm!« Leykuhlen schlug mit der Faust auf den Tisch, daß der Federhalter, der beim Tintenfaß lag, zu rollen anfing. Er ärgerte sich. »Wie könnt ihr dat nur immer nachsprechen! ›Arm, arm‹ – wer dat saat, kennt unsre Verhältniss’ jar nit. Weil wir nit mit allem eso voranjejangen sind, darum sagen sie ›arm‹! un wir wären rückständig!«

»Oho, nit mit voranjejangen? Rückständig?! Oho!« Nun wurde der Adams noch hitziger, und er war doch sonst ein ruhiger Mann. »Wer sät dann immer, oß Kinder solle net no’r Fabrick jonn?!«

»Hm!« Der Bürgermeister räusperte sich; er war über sich selber einen Augenblick im Zweifel. Richtig war’s, er hatte immer gegen das Fabrikenlaufen geredet, er war auch dem Landrat schroff begegnet, wenn dieser ihm von Wasserleitung und so weiter gesprochen hatte, er schätzte das Althergebrachte und hing an dem von Eltern und Voreltern Überkommenen wie nur einer. – Und doch – er warf den Kopf in den Nacken – nun wußte er wieder, woran er war. Er mußte gegen das eigene Herz sprechen: von »rückständig« mußte er sprechen. Denn es war eine Kurzsichtigkeit, offenbar eine Dummheit, sich gegen die Kolonisation da oben zu sperren. Erstens gehörte das Venn ja gar nicht der Gemeinde, sondern dem Fiskus, so war also überhaupt nichts anzufechten. Zweitens hatten die Gefangenen den Simon Bräuer über sich, einen Aufseher, der mehr in Banden hielt, als Schloß und Riegel; Mörder waren so wie so nicht unter ihnen. Drittens konnte es der Gemeinde nur von Vorteil sein, wenn kolonisiertes Land ihre Ländereien begrenzte. Ja, es mußte einem doch wohl einleuchten: hat man gutes Wiesenland neben sich, so ist die eigene Wiese auch besser, und hat man Ackerland neben sich, so weht einem der Wind keinen Unkrautsamen ins Korn. Es ging nicht anders, man mußte die Leute, die in harter Fron harte Arbeit taten, wohl dulden!

Aber er sprach vor tauben Ohren. Kaum konnte man sich erinnern, daß eine Gemeinderatssitzung je so stürmisch geendet hätte. Die Bauern schimpften. Ohne Handschlag ging der Bürgermeister von ihnen fort. Sie blieben noch stehen in einem Trüppchen vor der Schule und disputierten laut und heftig untereinander. Leykuhlen sah sich nicht mehr nach ihnen um, obgleich er wußte, daß sie ihn beredeten. Ja, wie sollte das hier noch einmal werden?! Oh, sie waren durchaus nicht dumm, sie hatten es auch gelernt, beim Viehhandel ihren Vorteil wahrzunehmen und sich durch den schlauen Käufer von auswärts nicht überlisten zu lassen. Aber war das wohl eine Klugheit, die nur das Naheliegende sieht und nicht auch weiter in die Zukunft?! Die Stirn gerunzelt ging er langsam heim.

»Mariechen!« rief er übers halb-offene Gadder in den Flur hinein.

Es war ein altes Haus, in das er trat. So war das schon zu Lebzeiten von Mariechens Eltern gewesen, und die Großeltern hatten auch so gewohnt, und deren Eltern schon; »1724« stand, aus hölzernen Buchstaben gefügt, über dem niedrigen Eingang, durch den vor nunmehr zwanzig Jahren auch sie eingegangen waren, ein junges, glückliches Paar. Er hatte nichts ändern mögen am alten Familienhaus der Endepohls. So wie einst reichte auch heute noch das Dach an der Seite fast bis zur Erde herab, nur daß man das dick-bemooste, grün-braun gewordene Stroh hatte entfernen müssen und statt seiner Schieferplatten gelegt hatte. Das war nun längst nicht mehr so schön wie früher, als die bunten Feldblumen, Weidenrose und Klatschmohn, Klee und die weißen Sterne der Wucherblume lustig auf dem alten Dach geblüht hatten, und nur ungern hatte sich Leykuhlen dazu entschlossen. Aber das Gadder war noch keiner modernen Haustür gewichen, es zeigte noch sein kräftiges Tiefgrün mit den weißen Schnörkelverzierungen und dem schweren eisernen Klopfer in der Mitte. Der Backofen bauchte sich noch aus der Wand heraus wie ein Bienenstock, Kapuzinerkresse und ein Centifolienstrauch klammerten sich im Sommer an ihn an und putzten die zartblaue Tünche mit feurigem Gelbrot und sanftem Rosa. Noch so wie einstmals waren die Balken der Länge und Quere nach braun gestrichen und karierten die Außenwände. Stall- und Scheuertüren leuchteten in freudigem Tiefblau. Farbenfroh lag das alte Haus hinter der mehrhundertjährigen Hecke. Diese war die schönste im Dorf, Leykuhlen hatte sie nicht niedergelegt, obgleich sie ihm das Licht nahm; sie war der Stolz der Vorfahren gewesen. So hielt auch er sie sorglich; fein gerade geschoren auf den Strich ragte sie wie eine Mauer, nur oben das Giebelfensterchen, Dachfirst und Schornstein ragten über sie weg.

»Mariechen!« Leykuhlen war aus dem dunklen Flur in die Küche getreten; auch hier war die Frau nicht. Einsam standen die silberblanken Melkeimer auf der weißgescheuerten Bank; der große, weitbauchige Milchkessel glänzte wie Gold daneben. Zerstreut sah er die vielen buntblumigen Teller an der Wand – »Zum Andenken« – »Sei glücklich« – »Aus Freundschaft« – »Aus Liebe« – wo war sie denn nur?! Wenn sie doch käme! Er sehnte sich nach ihr, heute mehr noch denn sonst. »Bärtes,« würde sie sprechen und ihm die Hand auf den Ärmel legen, »was ärgerst du dich? Hast du dich nicht schon oft über sie geärgert? Aber ruhig, sie kommen dir schon wieder, sie können ja garnichts machen ohne dich – oder ärgerst du dich am Ende über dich selber?« Ja, da hatte sie recht, wie immer, wie in allem! Das Herz wallte ihm plötzlich auf, wie einem ganz jungen und noch verliebten Ehemann. Er rief noch lauter, noch ungeduldiger: »Mariechen!«