Die Seitentür öffnete sich, die aus der Küche gleich in den Kuhstall führte, aber es war nur die Magd, die den schwarzhaarigen, glattgescheitelten Kopf hineinstreckte: »Se is nor Huesgens gangen. De Dores hat als widder de Krämp; dat Kathrinche kam se hollen!«

Also bei Huesgens war sie? Nun, da ging er ihr eben dorthin nach!

Es litt den Mann nicht mehr allein im Haus: was sollte er so einsam in der Stube sich Gedanken machen, die sie mit einem Wort vertreiben konnte?! Rascher, als er gekommen war, ging er wieder zum Haus hinaus. Eben als er in den Heckenausschnitt trat, rasselte ein Wagen übers holprige Pflaster vorüber; so rasch der auch fuhr, er erkannte doch den Landrat im Fond und trat unwillkürlich hinter seine Hecke zurück. Jetzt mochte er den nicht sprechen. Wo fuhr der hin? Zur Strafkolonie natürlich! Schon ein paar Briefe hatte er vom Landrat erhalten, worin der ihn aufforderte, doch einmal mit ihm dorthin zu fahren. Der interessierte sich sehr für die Kolonisation – wie eben für alles! Mit einem Seufzer, der mehr nach Unlust wie nach Befriedigung klang, trat Leykuhlen wieder hinter seiner Hecke hervor und sah dem Wagen nach. Nein, das war heute nicht die Hotelequipage vom Schwan, die der Landrat sonst immer zu seinen Ausfahrten benützte, es war der Krümperwagen oben vom Platz; sie hatten ihn wohl heruntergeschickt. Der Landrat fuhr zum Diner ins Offizierkasino. Richtig, die Pferde bogen links um, trabten nicht weiter die lange Dorfstraße hinunter.

Leykuhlen ging die Dorfstraße abwärts, die so lang ist, weil kein Haus dicht neben dem andern liegt, sondern jedes mit Weide und Gärtchen und Gemüseland ganz allein für sich hinter seiner bergenden Hecke. Er atmete auf: nun, der Landrat kam ihm heute nicht in die Quere! Aber, vielleicht, daß Mariechen Lust hatte, dann wollte er wohl einmal mit ihr zur Strafkolonie gehen und sehen, wie die Leute da voran kamen. Es war ja nicht weit, von Huesgens Haus nur eine halbe Stunde. Und das Wetter war heute lind, angenehmer als in all den letzten Wochen.

Schon schwollen die Knospen dick und braun und wie glänzend lackiert an den Hainbuchenhecken. Wo es ganz geschützt war, geduckt unter dem knorrigen Hauptstamm, wagte sich allerhand Kraut hervor. Noch schliefen die Farne, die im Sommer so üppig unter den Hecken emporschießen, zu braunen Schnecken zusammengerollt; es war nur Unkraut, was jetzt grünte, aber es hatte gelbe Blütchen, wie winzige goldene Sternchen, und jetzt kam ein Kind gelaufen, hatte die ganze Faust voll davon und streckte sie dem Manne entgegen: »Dag, Hähr Burjermeester!«

Er nahm die Blümchen aus der Kinderhand und sah die Kleine freundlich an; sie war sehr hübsch, hatte ein rundes Gesichtchen mit großen, sanften, tiefschwarzen Augen. Aber das runde Gesichtchen war blaß, und die Augen hatten keinen blanken Glanz. Es war etwas Ernstes in dieser Kindheit. Dieses Kind kriegte sicherlich Kartoffeln und Kaffee und wieder Kaffee und Kartoffeln und ein Stück Brot, und weiter nichts.

»Ah, du bis et, Kathrinchen,« sagte Leykuhlen, die Kleine jetzt erkennend. Es war die Elfjährige von Jörres Huesgen.

Er griff ihr unters Kinn und hob so das blasse Gesichtchen zu sich auf: »Sag ens, kocht din Motter ooch alle Dag wat?«

Kathrinchen nickte stumm.

»Wat dann?«