»Kaffee,« sagte sie leise.

»On Erdäppel?«

Sie nickte wieder.

Aha, gerade so, wie er sich’s gedacht hatte! »Nühst angersch?« Schade, dieses zarte Ding würde auch bald in die Fabrik laufen wie seine ältere Schwester, die Bäreb, und würde schmalbrüstig werden und den Husten kriegen beim Rennen durch Wetter und Wind. Schade! Der Huesgen Jörres, der seine Not hatte, eins satt zu kriegen, hatte ihrer acht – nein, neun lebendige Kinder, da war ja erst neulich wieder eins angekommen – und mancher wohlhabende Mann, der sein halbes Besitztum gern dafür hingegeben hätte, der hatte keins! Es zog eine schmerzliche Erinnerung über das kräftige Männergesicht. Wie in einen Traum verloren, sah Leykuhlen in das weiche Kinderantlitz.

Die Kleine stand starr da, das Gesichtchen durch seine Hand emporgehalten; sie wagte nicht, sich zu rühren. Da gab er sie endlich frei. Er holte tief Luft: »So is et!« Und dann, wie sich besinnend: »No, Kathrinchen, sag ens, wat kocht din Motter als noch?«

»Nühst!« Das Mädchen sah ihn ganz verwundert an: das war doch wohl gut, Kaffee und Kartoffeln und ein Stück Brot – wenn man nur immer genug davon hätte. »Mi Motter is immer krank,« sagte sie schüchtern und tief errötend. »On oß Bäreb jeht no’r Fabrick. Ich koche dat. Dat kann ich als!«

Leykuhlen strich ihr übers Haar. »Komm, Kathrinchen,« sagte er und nahm sie an die Hand. Er hielt sie so ganz fest; die kleinen kalten Finger erwarmten zwischen den seinen und fingen an zu schwitzen. Sie gingen miteinander immer weiter über die lange Straße, aber sie sprachen nicht mehr. Der Mann war in Gedanken und das Kathrinchen traute sich kein Wort. Es wäre gern davongesprungen, aber erst vor der halb eingefallenen Hecke, hinter der ganz niedrig, wie zusammengesunken, das Huesgensche Häuschen lag, wagte es, sein Händchen dem festen Griff zu entziehen. Hurtig und lautlos wie eine Maus huschte es in die dunkle Hütte und war verschwunden.

Sich tief bückend, um den Kopf nicht zu stoßen, folgte Leykuhlen dem Mädchen. Die Tür der Stube stand offen, er konnte aus dem Flur, der als Küche diente, gerade dort hineinsehen. Dunstig wie in einem Stall war die Atmosphäre, eine überwarme, dicke Luft in selten gelüftetem Raum. Er konnte sich nicht zu seiner ganzen Größe aufrichten, die schiefe Balkendecke hing ihm dicht überm Scheitel; er fühlte, wie ihm das Blut in die Stirn schoß – oder machte ihm das, was er sah, so seltsam heiß?!

Drinnen in der Stube neben dem Ehebett, auf dem die Huesgen lag, saß Mariechen auf dem Schemel. Sie hielt das Kleinste auf dem Schoß, ausgebündelt, ganz splitterfasernackt, als sei es eben geboren, und blickte darauf nieder mit einem Lächeln, wie er es nur einmal an ihr gesehen hatte.

»Mariechen!« wollte er rufen, aber er hielt an sich: nein, er wollte sie nicht stören, er durfte sie nicht stören. So war sie ganz in ihrem Element. Auf den Zehen ging er langsam rückwärts hinaus und sah dabei noch immer hin, obgleich er eigentlich gar nicht sehen wollte. Sie selber würde ja niemals mehr ein Kind bekommen, das hatte ihnen der berühmte Arzt in Aachen gesagt, sie hatten sich auch darein geschickt – aber – er seufzte – es war schwer! Zögernd nur entfernte er sich, ihr Lächeln bannte ihn. Und als er schon längst draußen war, sah er noch immer sein Mariechen vor sich mit diesem stillen, seligen und zugleich doch ein wenig schmerzlichen Lächeln.