Ohne daß er es wußte, hatte er den Weg höher hinauf zum Venn eingeschlagen. Er wurde dessen erst inne, als er die letzten Hecken und auch das Weideland, das ein dunkler Tannenbusch begrenzt, hinter sich hatte. Er sank plötzlich tief in weichen, schwarzen Moorboden. Jetzt war alles naß hier; die verdorrten Heidekrautbüschel ragten wie Schöpfe aus den Lachen, man mußte Obacht geben, wohin man trat. Das stöberte ihn aus seinen Sinnen auf, er sah um sich. So oft er auch hier oben gestanden hatte, hinter sich die unermeßliche Weite des Venns, vor sich die Hecken des friedlichen Dorfes, hinter denen die Häuser zu schlafen schienen, er empfand immer wieder die Wohltat dieser Unbegrenztheit, die Beruhigung dieser ungeheuren weltentrückten Stille. Daß er so lange nicht hier gewesen war! Wie sah es jetzt hier aus? Nun, viel war noch nicht zu sehen! Es war nicht viel anders als sonst; nur daß sie dort, wo der einsame Baum steht, der Galgenbaum, der wie ein dürrer Pfahl ragt und nur im Sommer einen kurzen, nach der Seite gewehten Schopf zeigt, jetzt rohe Balken aufeinandersetzten. Ein primitiver Bau! Hui, mußte der Wind durch die Lücken pfeifen! Er ging darauf los.

Ein harter Zuruf hielt ihn an: »Halt!«

Mit starken Schritten kam der Aufseher heran.

»Was wollen Sie?«

Das klang drohend, und selbst, als jetzt Simon Bräuer den Heckenbroicher Bürgermeister erkannte, wurde sein Gesicht nicht viel freundlicher. Der Landrat war so und so oft hier gewesen und hatte ihn aufgehalten mit seinen Vorschlägen und Verbesserungen, und nun kam der Bürgermeister auch noch angerannt! Widerwillig gab er Auskunft: nun ja, sie waren am Arbeiten, das mußte ja auch so sein, das koste den Staat eine Masse Geld hier oben und würde noch mehr kosten, noch viel mehr. Drainiert mußte der Boden zu allererst ordentlich werden – wo sollte sonst all die Nässe hin?! Aber dann, dann – ein freundlicher Strahl huschte jetzt über das finstere Gesicht – dann konnte es hier wohl was werden. Es mußte was werden!

Leykuhlen hörte die große Energie heraus in Wort und Ton. Bräuer war ihm nie sonderlich angenehm gewesen – ein verschlossener, unzugänglicher, finsterer Mensch – er erinnerte sich seiner noch als Junge, und daß er andere Jungen, die ihn auf der Weide täppisch neckten, mit Steinen blutig geworfen hatte; aber jetzt interessierte er ihn. Das war doch ein Kerl, mit dem etwas auszurichten war! Wie kam dieser arme Junge, der nie ein Bröckelchen Land zu eigen besessen hatte, der seine zwölf Jahre in den Kasematten von Köln verbracht und dann noch ein paar dazu als Aufseher hinter den Mauern von Siegburg, zu diesem lebhaften landwirtschaftlichen Interesse?!

»Wenn wir nach dem Drainieren den Boden umbrechen, schiffeln und kalken, dann sollen wir wohl wat eraus kriegen. Wo Vennheu wächst, ist am End auch Kleeheu zu kriegen, mer darf nur nit die Jeduld verlieren,« sagte Bräuer jetzt ganz von selber. Man merkte es ihm an, wie diese Idee ihn erfüllte. Mit einem scharfen Blick sah er sich um, hob seine Rechte und machte eine weit-umfassende Bewegung: »Wer hat dat je erlebt, Roggen und Hafer auf dem hohen Venn?!«

»Oha!« Leykuhlen lächelte: das waren denn doch noch weitaussehende Pläne!

Aber wie beleidigt fuhr der andere auf: »Da is nix zu lachen. Wenn Sie et nit jlauben, wat kommen Sie dann hierhin? Un ich sag Ihnen: hier wächst Hafer!« Er hob wiederum die Hand und zeigte wie ein Gebieter über die unwirtliche Fläche. »Un hier wächst Roggen! – – – Voran, ihr Kerls!« Unsanft fuhr er ein paar Gefangene an, die langsam, schlorrenden Schritts eine schwere Karre voll Steine zum Bau hinschafften.

Der eine hatte sich vorgespannt, der Strick schnürte ihm die Brust ein; er zerrte mit vorgestrecktem Halse, die Augen waren ihm herausgequollen, die Sehnen zum Reißen angespannt. Tief sank das Gefährt in den schlammigen Boden ein. Der andere stieß von hinten dagegen, den Kopf ganz tief zwischen die Schultern gezogen, wie ein Tier fast auf Vieren laufend. Man konnte sein Gesicht nicht sehen, man hörte nur sein Keuchen. Jetzt blieben sie stecken.