»Voran!« Simon Bräuer hob befehlend den Arm. »Voran, ihr Faulenzer!«

Da duckte sich der hintere, der für ein paar Augenblicke sein blasses, schweißbedecktes Gesicht emporgehoben hatte, wieder, und der vordere ruckte an, wie ein marodes Pferd zur letzten verzweifelten Anstrengung angepeitscht. Der Karren schob weiter.

»Schwere Arbeit hier,« sagte Leykuhlen. Dies hier war wahrhaftig Pferde-, aber keine Menschenarbeit! »Bräuer, werden Ihnen die Leut dann nit krank?«

Das unerbittliche Gesicht verzog sich zu einem verächtlichen Lächeln. »Fünf Schwachmatikusse hab ich als nach Aachen zurückjeschickt, hab andere Leut dafür jekriegt. Et sitzen ihrer ja jenug hinter Schloß un Riegel, die jern heraus wollen. Is hier doch immer noch besser in freier Luft, wat, Jacobs?« schrie er den jungen Menschen an, der den Karren geschoben hatte, und jetzt, am Bau angelangt, sich emporrichtete und die steifgewordenen Arme umeinanderschlug. »Is doch besser hier als im Kaschöttchen?«

Es kam keine verständliche Antwort, ein heiseres Husten erstickte sie. Aber der Sträfling nickte und machte sich daran, die Steine abzuladen.

Sah der Mensch elend aus! Und ein unangenehmes Gesicht, die richtige Verbrecherphysiognomie! »Wat hat de dann pekziert?« fragte Leykuhlen halblaut. Es überlief ihn plötzlich eine schaurige Empfindung: dem möchte man nichts Wehrloses in den Weg schicken auf einsamem Venn. Diese roten Haare, diese abstehenden Ohren, diese unsteten Augen in dem abgezehrten, sommerfleckigen Gesicht! So konnte sich ein ängstliches Gemüt wohl einen Mörder vorstellen. »Wat hat de dann verbrochen?«

»O – – – –!« Bräuer zuckte gleichgültig die Achseln. »Wird wohl nur wegen Wechselfälschung oder Mundraub oder vielleicht wegen Sittlichkeit seine paar Jährchen jekriegt haben – ich weiß nit. Wer kann dat all behalten! Aber wenn Sie et jern wissen wollen – Jacobs!« Er winkte.

»Nee, nee!« Leykuhlen legte ihm rasch die Hand auf den Arm. »Fragen Sie ihn selber nit! Nee, nit vor mir!«

»No, dann nit!« Der Aufseher lachte grimmig. »Daraus macht sich so ’ne Kerl doch nix. Der hat so oft sein Sünden anzuhören jekriegt, bis auf Herz un Nieren is de ausjezogen worden im offenen Jerichtssaal, dat et dem janz Wurscht is, wat ich ihn hier frag, oder Sie un ich. Dem is dat viel ärger, wenn Ihre Dorfmädchens ihn anjaffen wie en wild Tier und die Jungens hinter ihm dreinkreischen – Mädchens, mit denen er sonst poussieren würd, Bengels, mit denen zusammen er Kegel schieben würd. Dat is viel schlimmer für so einen, als wenn wir ihn fragen. Wir wissen doch auch, wat Versuchung is!«

»Sie haben recht!« Ganz betroffen sah Leykuhlen den Aufseher an: der Bräuer war doch nicht so roh, wie es den Anschein hatte! »Sie haben Verständnis für Ihre Leut!«