»No, wenn ich dat nit hätt! Ich bin doch drei Jahr in Siegburg jewesen. Beim Militär is et auch nit viel anders – pariert muß werden – nur die Montur is besser. Herr Burjermeister, wenn Sie sich aber interessieren, so schaffen Sie mir doch ein paar Bund Stroh!« Es kam etwas wie eine Bitte in die harte Stimme. »Die Kerls liegen hundsmiserabel. Un wenn ich wat alte Leinwand kriegen könnt! Die Halunken verschweinigeln sich die offenen Frostbeulen mit Absicht, sie denken, wenn sie humpeln, dann brauchen sie nit zu arbeiten – ja wohl, ich werd ihnen! Aufjepaßt!« brüllte er einen Sträfling an, der sich eben verstohlen bückte, um mit der hohlen Hand Wasser aus einer Lache zu schöpfen. »Hab ich nit verboten: jetrunken wird nit?!«
Erschrocken fuhr der Sträfling zurück. Er stammelte etwas von »Durst«; es klang wie ein Winseln.
»Wenn du Bauchschmerzen kriegst, scheuer ich dir noch die Huck,« schrie der Aufseher böse.
»Sie sind sehr streng,« sagte Leykuhlen vorwurfsvoll. Es stieß ihn plötzlich wieder etwas von dem Manne zurück.
Aber der Aufseher zuckte die Achseln: »Wenn ich nit streng wär, könnten wir nur einpacken hier. Entweder, sie jingen mir alle ein, oder sie schlügen mich tot. Adjüs!« Damit kehrte er sich kurz um und ließ den andern stehen.
Leykuhlen sah ihm nach, wie er mit starken Schritten auf die andere Seite des Bauplatzes ging und dort ein paar Sträflinge aufjagte, die sich in einem wärmenden Sonnenstrahl auf einem Balken niedergekauert hatten und ein wenig rasteten. Er sah sie auseinander fahren wie Hühner, zwischen die der Habicht stößt. Arme Teufel! Es war nun schon Ende April, aber es war doch noch recht kalt.
Ein Wind ging, der selbst den an Vennluft Gewöhnten durchschauerte; Leykuhlen knöpfte seinen Rock zu. Die in Leinenkittel Gekleideten ragten wie Vogelscheuchen, denen der Wind die Fetzen abzerren will, aus der baumlosen Fläche auf. So braun, so dürr noch das einsame Land!
Eine von ihm selbst nicht verstandene Traurigkeit senkte sich plötzlich auf Leykuhlens Seele. Der Himmel trüb, schwere Wolken hatten jetzt jedes Strählchen von sonnigem Licht verjagt; die Luft war wie Rauch, voll von beklemmendem Nebeldunst. Die Ferne so fern. Wo waren Städte und Menschen, fröhliche Menschen, und fruchtbare Felder?! Fern, sehr fern! Noch war kein Frühling im dunklen Moorland.
III
Im Städtchen wurde auf jeder Kaffeevisite und abends am Stammtisch, von Männern und Frauen mit gleichem Interesse, die Strafkolonie bei Heckenbroich besprochen. Wie der Landrat tat, der alle paar Tage hinauffuhr und sich sogar Besuch dazu eingeladen hatte, Herren von der Regierung in Aachen, so machten es viele. Man spazierte zu Fuß hinauf oder nahm einen Wagen an; die Ausgabe lohnte sich schon, nun bekam man doch einmal einen wirklichen Einblick in das Verbrecherleben. Kerle, Kerle! Was die für Arme hatten, hager und sehnig! Und tätowiert waren sie alle über und über, die Arme, die Brust. Jetzt stach die Maiensonne um die Mittagszeit schon heiß oben auf der ungeschützten Höhe, wenn’s in den Nächten auch noch Eis fror, sie trugen die Leinenkittel offen; man konnte alles sehen. Welche von ihnen waren weiß und fett, andere mager und haarig wie die Wölfe. Die Damen erschauerten.