Als die Bürgermeisterin am Nachmittag aus der Vesper kam, fühlte sie, wie schnell sich die allgemeine Gesinnung geändert hatte. Die Grüße waren ehrerbietig, fast ehrfurchtsvoll. Wieder streiften sie viele Blicke, aber jetzt waren sie nicht unfreundlich, wie am Vormittag, es war wieder etwas von der alten vertraulichen Zuneigung in ihnen. Noch steckte in der Kirche die ganze Schwüle, die der Vormittags-Gottesdienst mit seiner Überfüllung darin zurückgelassen, aber man hatte sie jetzt nicht mehr in ihrer ganzen Unerträglichkeit empfunden. Ein befreiender Windstoß war in die bange Schwüle gefahren: die Brunnen waren gut, das Wasser von Heckenbroich war gesund, der Bürgermeister hatte doch recht getan, wer da von Wasserleitung noch redete, sprach dummes Zeug!

Es war ein Sonntagnachmittag, wie ein solcher lange nicht zu Heckenbroich gewesen war. Die Bauern schritten wieder ihre Weiden ab; sie hatten bisher nicht den Mut dazu gefunden. Am Ende stand’s doch nicht ganz so schlimm, wer weiß, wenn man jetzt bald Regen bekam, schlugen die verdorrten Wurzeln doch noch einmal aus. Die Witwe Höfen trieb sogar ihre Kuh auf ihr Stückchen Grasland, und das Tier fand doch noch ein Hälmchen zum Rupfen. Viele prüfende und sehnsüchtige Blicke richteten sich zum Himmel auf; alle Wetterkundigen ließen sich vernehmen. Aber noch war kein Regen in Sicht; wenn der kommen wollte, wehte der Wind ganz wo anders her, und dann stand das Kreuz der Marienley nicht so fern in goldigem Blinken, dann ragte es nah, zum Greifen nah, hob sich schwer aus den blauschwarzen Tannen auf einem weißwolkigen, unruhigen Hintergrund. Noch war nicht an Regen zu denken.

Wie immer versank die Sonne flammend im roten Venn, der Himmel glühte bis zum fernsten Streifen mit Rosen- und Goldgewinden. Purpurne Dämmerung sank nieder auf Heckenbroich.

Es kam die Nacht, heiß, unerquicklich, heute vielleicht noch dunstiger als all die Nächte vorher. Die Ferne blinkte nicht so golden, sie war mit einem grauen Hauch überzogen.

Und doch schliefen die Leute von Heckenbroich. Eine Ermattung war übers Dorf gekommen, die Ermattung der Beruhigung: wenigstens das Wasser war gesund, wenigstens die Brunnen waren tauglich!

Auch Leykuhlen schlief, nach vielen schlaflosen Nächten von einer tiefen Ermüdung befallen. Als Mariechen das Licht ausblies, hatte er noch mit ihr sprechen wollen, aber die Worte verloren sich ihm.

Es war ein köstlicher Traum, der seine Gedanken verwirrte – ah, wie es rauschte, so sanft und lind! Himmlische Musik! Es rauschte, als wollte es regnen. Er schlief, erquicklich wie lange nicht, von feuchtkühlenden Lüften bestrichen; vom gleichmäßigen Rauschen war sein Ohr umschmeichelt. Er lag und atmete tief und gleichmäßig, die Stirn glatt und erhellt im beglückenden Traum. Er hörte nichts vom hellen Ausruf seiner Frau; erst als sie ihn kräftig rüttelte, wachte er auf. War es schon Morgen?!

»Bärtes, et regent! Hör, wie et am Regnen is!«

Da war er mit gleichen Füßen auch schon aus dem Bett. Das war kein Traum. Es rauschte nicht nur in den Lüften, als wollte es regnen, nein, es regnete wirklich schon rauschend nieder in gleichmäßig-eindringlichem Fluß. Kein Donner und Blitz, kein plötzlicher Guß, der rasch wieder aufhört, wie er gekommen: das war Landregen. Der Himmel ohne Licht, alle Sterne verkrochen. Regen, Regen, Erlösung, Segen!

Beide Arme in den Regen hinausstreckend, gab der Mann seine offene Brust den schweren Tropfen und den kühlenden Lüften preis. Was nutzte alle Wetterkunde? Die Wetterkundigen hatten noch lange keinen Regen prophezeit, und nun war er doch da, ungeahnt gekommen über Nacht, weil er, der die Wolken macht zu seinem Wagen und dahinfährt auf den Flügeln der Winde, weil er geboten hatte, und siehe, es geschah!