Der Tierarzt war noch röter geworden als sonst und hatte noch mehr mit den Augen gekugelt als gewöhnlich, und hatte noch mehr räsonniert, als zu anderer Zeit: was verlangten sie denn, wie sollte das unvernünftige Vieh gesund bleiben, wenn der vernünftige Mensch sich krank säuft?! Er ereiferte sich sehr: weiß der Himmel, er wollte lieber Kaffern und Hottentotten kurieren, als Eifler Vieh. Was nutzte ihm alles, was er gelernt hatte, was war überhaupt die ganze Wissenschaft nutze, wenn ihr hier eine solche Borniertheit entgegengesetzt wurde? ›Ihr seid schwarz, schwarz bis in die Knochen – dat is euer Malheur!‹ Zu anderen Zeiten hätten die Bauern über ihn gelacht: was ereiferte sich der Viehdoktor denn so?! Oder sie hätten sich auch geärgert: so einer, der doch auch aus der Eifel stammte und nun in keine Kirche mehr ging, so einer, der seinen ganzen Glauben verloren hatte überm Studieren! Aber in der Stimmung, in der sie jetzt waren, hörten sie ihn an; sie verstanden ihn nicht ganz, aber das hörten sie doch heraus, daß der Dreiborn, der immerhin ein kluger Mann zu nennen war, und ums Vieh gut Bescheid wußte, nicht zufrieden war mit dem, wie es so war. Nein, sie auch nicht! Ganz und gar nicht!

Völlig erschöpft kam Leykuhlen heim. Schwer ließ er sich in seine Kanapee-Ecke fallen und stützte den Arm auf. Als die Frau ihn etwas fragte, schüttelte er nur den Kopf verneinend; weitere Antwort gab er nicht.

Jesus, ihr Mann wurde doch am Ende nicht auch krank?! Mit tränenden Augen stand die Bürgermeisterin in der Küche und blies das Feuer an. Die Magd konnte nicht damit zurechtkommen, es wollte heute nicht brennen; die Sonne gloste über dem Schornstein, die drückende Luft schlug jedes Dampfwölkchen, das aufsteigen wollte, wieder hinab in den Kamin. Die Küche war voll von Rauch und vom brenzlichen Gestank des langsam schwelenden Torfes. Immer wieder stocherte die Frau im Feuerloch, ganz mechanisch, ihre Gedanken waren nicht bei diesem Werk. Sie merkte es nicht einmal, daß sie in eine Wolke von beißendem Dampf gehüllt stand, daß sie nichts sehen konnte vor Rauch und Tränen. Die Magd war dem erstickenden Qualm entwichen, die Frau war allein. »Jesus,« seufzte sie aus tiefster Seele, »Jesus Christus erbarm dich!«

Da wurde hastig die Tür aufgerissen. Der, um den ihre Gedanken kreisten in unablässiger Sorge, war plötzlich bei ihr mit zwei Schritten, mit seinen alten, kräftigen Schritten. Er faßte sie um den Leib. »Mariechen, Jott sei Dank!« Es war wieder etwas in seiner Stimmen von frischem Klang. »Denk ens an, Mariechen, mit dem Mechernich steht et besser. Dat war die Krisis. ›Den kriegen wir durch,‹ sagt der Doktor. Eben war er bei mir. Haste ihn nit jehört?«

Sie hatte nichts gehört, keinen Wagen, keinen fremden Schritt im Flur, sie war so ganz in ihren Sorgen befangen gewesen. »Wahrhaftig?« fragte sie, noch ungläubig, und blinzelte ihren Mann an.

»Mit Jottes Hilf,« sagte er ernst. Aber dann drückte er sie an sich in einer jähen Aufwallung des Gefühls: »Jott sei jelobt, Mariechen, ich kann et dir nit sagen, wie jlücklich ich bin! Wenn der Mechernich durchkömmt, dann« – er lächelte sie an – »Mariechen, dann stift ich die Uhr, die noch fehlt an der Kirch. Wenn et dir recht is, Mariechen?!«

Ob es ihr recht war!


Seit der Mechernich am grünen Klee die letzte Ölung empfangen hatte, war es besser geworden mit ihm. Merkwürdig, und doch nicht merkwürdig! Vor dem Häuschen des Torfarbeiters standen die Leute und besprachen den Fall mit einer von ihrer sonstigen Verschlossenheit und Ruhe stark abstechenden Lebhaftigkeit. Ja, als das heilige Öl seine Stirn salbte, da hatte er die Augen, die er geschlossen gehalten hatte seit Tagen schon, auf einmal wieder aufgemacht. Und er hatte gesprochen, ganz vernünftig, gar nicht mehr wirres Zeug. Er hatte die Frau erkannt und die Kinder und hatte ihnen die Hand gegeben – nicht zum Abschied, nein, zum Willkommen. Und gesagt hatte er, daß er wohl gewußt hätte, es sei nicht gut, im Venn von dem Wasser zu trinken, daß sie aber einen so argen Durst gekriegt hätten beim Torfaufsetzen in der großen Hitze, und daß sie gedacht hätten, es würde ihnen schon nicht schaden, die Soldaten hätten ja auch getrunken, oft schon da oben im Venn.

Also die Brunnen waren doch gut?! An denen hatte es nicht gelegen, daß der Mechernich und der Peter krank geworden waren. Venn-Wasser hatten sie getrunken, von dem rostigbraunen, mit Schaumblasen bedeckten, das oben in den Gräben steht, und vor dem man oft, sehr oft schon, ernstlich gewarnt worden war. Ei, wer nicht hören will, muß fühlen. Recht war ihnen eigentlich geschehen, ganz recht, warum hörten sie nicht auf das, was ihnen gesagt wurde?! Aber dem Leykuhlen war Unrecht geschehen. Wahrhaftig. Die Brunnen waren doch gut – gutes, reines, gesundes Wasser! Sie fühlten alle Scham. Wozu denn auch eine Wasserleitung?! Das Geld für die brauchte man wahrlich nicht herauszuschmeißen, wenn man selber so gute Brunnen im Dorfe hatte! Ein befreiendes Lachen ging durch Heckenbroich.