Die Gemeinde hatte das Bußlied gesungen:

»O Gott, streck aus dein milde Hand,

Erfüll mit Segen Leut und Land,

Halt ab in gütger Vaterhuld

Die Strafen für die Sündenschuld!«

Der Bürgermeister neigte sein Haupt tiefer und tiefer. Er wagte nicht aufzusehen; es war ihm, als müßten sich aller Blicke vorwurfsvoll auf ihn richten, als nagelten sie ihn alle fest mit ihren müden, umschatteten Augen.

Es brauste vor seinen Ohren, es hämmerte in seinen Schläfen, es siedete ihm in den Adern. Er hörte nichts mehr von dem, was der Pastor noch weiter sagte, er hörte nur immer das Schellchen des Meßners, der vor dem Priester her zum Sterbenden schritt. Mußte der Mechernich wirklich sterben? War er am Ende schon tot?! Zwischen dem Tönen des Schellchens vernahm er die Sterbeseufzer, das Jammern des Weibes, das Weinen der Kinder. Ströme von Schweiß rannen Leykuhlen über den Leib. Von einem Schwindel gepackt, wollte er die Augen schließen, aber es riß sie ihm wieder auf, er mußte sehen, alles das sehen, was er, er angerichtet hatte.

– – ›Ich begreife nicht, wie ein sonst so intelligenter Mensch sich so gegen alle Neuerungen verschließen kann‹ – ›Eine Wasserleitung ist das Allernotwendigste, wir werden den Typhus sonst hier nie los‹ – so, oder ähnlich doch hatten sie gesprochen. Schon lange, ach lange schon waren sie an ihm. Aber er hatte die Kirche gebaut. Er hatte die Gemeinde dazu bewogen. Hätte er sie nicht ebensogut zu etwas anderem bewegen können?! Sein, ja sein war die Schuld!

Wie ein Kranker wankte Leykuhlen aus der Kirche. Er bemerkte nicht, daß die Grüße, die ihm sonst ehrerbietig und willig zu teil wurden, heute ganz anders waren. Man grüßte, weil es eben sein mußte; keine Freundlichkeit erhellte diese Grüße. Die Bürgermeisterin hielt sich dicht neben ihrem Mann, ihr war, als müsse sie ihn schützen, wie gestern abend; und doch fiel jetzt kein Stein.

Die reichen Bauern, der Adams und der Zumstädtchen, kamen jetzt zusammen an ihnen vorüber; sie taten, als sähen sie den Bürgermeister nicht. Sie gingen stracks hinüber auf die andere Straßenseite und sprachen so eifrig auf einander ein, als hätten sie den wichtigsten Handel zu bereden. Sie waren grimmig. Nun hatten sie schon ein paar Mal den Dreiborn nach oben holen müssen – was das kostete! – und andere im Dorfe hatten ihn auch holen müssen.