Am grünen Klee lag der Mechernich, mit dem war es schon gestern sehr schlecht gewesen; nun reichten sie ihm die heiligen Sterbesakramente, daß er in Frieden abfahren konnte von dieser Welt. Aber ein verlassenes Weib schrie hinter ihm her, eine Schar kleiner Kinder weinte nach Brot. Ein Schauer überrieselte den Bürgermeister. Und daran sollte er, wirklich er, schuld sein? Wasserleitung – eine Wasserleitung anstatt der Kirche – ohne gesundes Wasser keine gesunde Bevölkerung – die Brunnen taugen nichts! Er hatte es zugegeben, daß sie doch daraus tranken. Gott im Himmel, wie sollte er sich verantworten vor dem höchsten Richterstuhl?!
Gedanke auf Gedanke wälzte sich heran, Vorwurf auf Vorwurf. Der Mann war erdrückt, wie zu Boden geschmettert; mit beiden Händen faßte er sich nach der glühenden Stirn und stöhnte auf. Da innen saß ein sausendes Rad, das sich drehte in unaufhörlichem Schwunge: wenn der Mechernich starb, was machte er dann – und wenn noch andere starben, was dann? Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, er wußte nicht mehr, hatte er recht oder unrecht getan, war er beladen mit einer Schuld oder durfte er ihrer sich ledig sprechen? Sein Geist war verwirrt. O, wer sagte ihm, hatte er recht getan oder unrecht?!
Er krampfte die Hände in einander, der kalte Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Kommt zu Hilfe, ihr Heiligen Gottes! Herr, erbarme dich, – gib ein Zeichen! Tue deinen Himmel auf, laß regnen! Vater unser – – – gegrüßet seist du, Maria – – – laß regnen, gib mir ein Zeichen – – – o du Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünde der Welt, erbarme dich!
Der Himmel glühte über Heckenbroich. Und das Venn flammte weit hinaus im leuchtenden Rot seiner höchsten Blüte. Die Luft stand still überm staubbedeckten Scheitel der sonnenflimmernden Dorfstraße. Heute war Sonntag, der Tag des Herrn.
Langsam, wie matte Fliegen, krochen die Menschen zum Hochamt; sie waren in Sonntagskleidern, aber Sonntagsmienen zeigten sie nicht. Niedergeschlagene Gesichter, ohne Hoffnung, ohne Freudigkeit. In einer stumpfen Resignation schleppte man sich zur Kirche. Nun hatte man schon soviele Rosenkränze gebetet, Kerzen gestiftet, Wallfahren gelobt, und alles sollte umsonst sein! Die Weiden waren hart wie Tennen, nie mehr konnte da Gras sprossen. Und der Mechernich lag im Sterben. Ein ängstliches Raunen ging von Mund zu Mund: die Sterbesakramente hatte er bereits empfangen. Wie lange noch, und mit den anderen Erkrankten ging es ebenso. Wer kam dann an die Reihe? Und morgen früh wurde der Dores begraben, der kleine Junge vom Huesgen-Jörres. Da ging der Vater!
Den Kopf gesenkt, den Blick auf die gefalteten Hände niedergeschlagen, schritt Weber Huesgen zur Kirche. Aber es war nicht der Tod des Kindes allein, der sein Haupt senkte. Eine Woche voll rastvoller Arbeit in grenzenloser Hitze lag hinter ihm; neue Runen waren zu denen seines arbeitsverfurchten Gesichts noch hinzugekommen. Regen, ach, nur Regen, Erlösung, Regen! Es trieb ihn in die Kirche, in dem dämmerig gehaltenen hochgekuppelten Raume war’s noch am erträglichsten; daheim weinte das Weib, und die Geschwister schauten mit erschreckten Augen auf die Leiche des Dores, die im Tannensärgelchen auf zwei Schemeln im Schuppen stand, mit einer Girlande geschmückt, die das Kathrinchen gewunden hatte aus Schlangenmoos und blühendem Heidekraut. Der Dores war nicht am Typhus gestorben, den hatte er gar nicht gehabt; die Hitze hatte ihn mitgenommen. Die hatte er nie gut vertragen können. Seit die Sonne alles verbrannte, war auch er verbrannt wie ein flackerndes Lichtlein. Nun war das wächserne Gesichtchen freundlich, die welken Händchen auf der Brust umfaßten das Kruzifixchen, das man ihnen zu halten gegeben hatte.
Ein Kind weniger! Der Weber seufzte. Er war ein liebevoller Vater; aber daß der Herrgott den Dores zu sich genommen hatte, das war mehr eine Gnade als eine Heimsuchung zu nennen, wenn die Annelies auch jetzt noch bitterlich weinte. Sie würde sich trösten. Sie hatte nun einen Engel im Himmel, der Fürbitte tat. Aber warum die Bäreb sich so arg anstellte?! Ordentlich ärgerlich war Jörres Huesgen auf seine Älteste. Statt der Mutter bei der Hand zu sein, kniete sie immer bei der Leiche, starrte sie an mit vom Weinen verschwollenen Augen und schluchzte dann auf, so heftig, daß es ihr fast das Herz abstieß. Freilich, Leben und Sterben ist ein ernstes Ding – wurde das die Bäreb erst jetzt gewahr?
Der Weber seufzte, als er beim Summen der Orgel auf der Betbank niederkniete, und trocknete sich mit dem roten Sacktuch den Schweiß ab. War das eine Hitze! Selbst hier war heut nicht die Kühle zu finden, die so wohltat, wie in einem tiefen Keller, wenn draußen die Sonne glühte. Auch in die Kirche war die Schwüle gedrungen. Ein erstickender Dunst lastete im Raum, dessen Wölbung heute niedriger schien.
Und um den Weber seufzten und schwitzten noch viele; die Leiber der knieenden Andächtigen dampften. Matt die Stimme des Priesters am Altar, fast erstickt durch die dicke Luft, matt die Responsorien des Dieners, matt der Gesang vom Orgelchor, kraftlos, ohne Frische und Fülle, und matt auch die Gebete. Hier schlief eine, dort schlief einer. Diese war auf die Bank zurückgesunken, legte den Kopf hintenüber und schnarchte mit offenem Mund; jener schlief gar im Knieen, das Haupt war ihm haltlos aufs Gebetbuch genickt. Geknickten Blumen gleich hingen die bunt-betuchten Köpfe der Frauen. Jetzt wurde eine gar ohnmächtig, es gab für Minuten ein Scharren, ein Poltern, man schaffte sie hinaus. Dann wieder die vorige bleierne, lähmende Stille.
Der alte Pastor bestieg die Kanzel, heute ließ er es sich nicht nehmen, selber in der Predigt zu seiner Gemeinde zu sprechen; es war eine schwere Zeit. Er redete mit zitternder Stimme von der weisen Anordnung Gottes, die alles, was da lebt, mit Segen erfüllt, die zur Zeit Regen und Sonnenschein gibt, die aber mit Entziehung des Segens heimsucht, wo sie Reue erwecken will und bußfertige Gesinnung.