Sie rannte hinab, die angezündete Lampe hochgehoben in der Hand. Einen Augenblick zögerte sie vor der Stubentür – drinnen war’s noch dunkel, sie hörte keinen Laut, war er nicht mehr da?! Behutsam drückte sie die Klinke nieder, leuchtete in die dunkle Stube hinein.

Da lag er auf den Knieen vor dem Tisch, hatte die gefalteten Hände auf den Tischrand gelegt und sein Gesicht auf die Hände. Sie sah nur seinen Rücken, aber sie sah doch, wie heftige Atemzüge ihn erschütterten.

Da zog sie sich leise zurück. Das fühlte sie, jetzt durfte selbst sie nicht stören. –

In dieser Nacht schliefen sie nicht. Aber auch nur wenige im Dorf schliefen. In den Häusern, eingeschlossen hinter den Hainbuchenhecken, war die Luft dick und schwül. Nur Regen, nur Regen! Mit offenen Mäulern lagen die Menschen auf ihren Betten und schnappten nach Luft. Die Kinder greinten, selbst sie fanden keinen Schlaf. Da und dort flinzelte Lämpchenschein, man hörte Stimmen, die Mutter vertröstete die Kleinen. In den dunstigen Ställen brüllte heiser das durstige Vieh. Der und jener schlich vor sein Heckentor und schaute prüfend den Himmel an: zog da nichts auf von Gewölk im Westen? Er blinzelte angestrengt, das harte Bauerngesicht erhellte sich für Augenblicke wie von einem Hoffnungsstrahl; aber enttäuscht sank der Blick gleich wieder: nein, das war kein Gewölk, das Regen brachte. Das war nur ein Rauch, ein Dunst, als sei die Erde ein Feuerherd und pustete den Dampf ihrer Glut zum Himmel.

Es war keine Nacht zum Schlafen. Es war eine Nacht, um wach zu liegen, sich zu wälzen in banger Sorge. – – –

Eine müde, überwachte Stille lag mit dem neuen Tag über Heckenbroich. Feurig ging eben die Sonne im Osten auf, als es auf der Straße bimmelte. Leykuhlen fuhr mit dem Kopf zum Schlafkammerfenster heraus, – er brauchte es ja nun nicht mehr aufzutun – das klang ja, als schellte der Meßner vorm Priester her, der den Leib des Herrn über die Straße trägt?!

Was – wer – wo?! Wer sollte versehen werden?! Der Bürgermeister riß die Augen weit auf, er stierte und starrte. Richtig, da schritt der junge Hilfsgeistliche das Röcklein übergeworfen! Vor ihm her schlorrte der Küster, ungewaschen, ungekämmt, wie einer, den man eilig aus dem Bette geholt hat. Er klingelte mit dem allbekannten Glöcklein.

Mit einem Arm das Fensterkreuz umschlingend, beugte der Bürgermeister sich weit, weit über die Hecke hinüber. Mit Blicken, die seine Augen fast aus den Höhlen drängten, folgte er den Dahinziehenden. Da gingen sie hin, Priester und Meßner – klingling – leise tönte das silberne Schellchen. Da gingen sie und brachten einer scheidenden Seele die letzte Wegzehrung.

Aber wo gingen sie hin – zu wem – ach, wohin?! Leykuhlen wollte rufen und konnte nicht, der Mund war ihm wie zugehalten, nur ein heiser herausgestoßenes ›Herr, erbarme dich‹, brachte er über die Lippen.

Nun waren sie am Eckhaus. Gingen sie nun geradeaus, die Hauptstraße zu Ende, oder schwenken sie links ab zum grünen Klee! Sie schwenkten links ab.