Mit beiden Armen hielt Frau Leykuhlen ihren Bärtes umfangen; sie preßte ihn fest an sich: oh, daß sie seine Ohren nur zuhalten könnte, verstopfen, daß er nichts hörte von dem abscheulichen Konzert. Sie brachten ihm eine Katzenmusik, wie man sie nur dem bringt, der sich Ungebührliches hat zu Schulden kommen lassen. Dieses entehrende Ständchen ihm, dem Bürgermeister, von seinen Heckenbroichern selber dargebracht?! Die Frau zitterte, sie hätte in Tränen ausbrechen mögen. »O Bärtes, Bärtes, mach dir nühst draus!«
»Bis still, Mariechen,« sagte er wieder wie vorhin. Er war ganz ruhig. Seine Stimme klang nicht einmal zornig, nur traurig, als er jetzt das Fenster aufriß und in die Nacht hinausrief: »Jetzt is dat äwer jenug! Nu laßt de Dummheiten! Joht no hehm!«
Einen Augenblick war es still; dann raschelte es wieder in der Hecke. Liefen sie hastig fort, beschämt, hatten sie es doch mit der Angst bekommen?!
Die Frau, die sich neben ihren Mann ins Fenster gezwängt hatte, fuhr plötzlich zurück – klatsch! Ihr Bärtes, o, ihr Bärtes! Eine Ladung Kot war ihm ins Gesicht geflogen, sie wurde noch mit davon bespritzt. Und eine Stimme, – es war nicht zu erkennen, wem sie gehörte, denn sie verstellte sich – äffte ihm nach: »Laßt de Dummheiten, joht no hehm!« Ein wieherndes Lachen erscholl – wieder ein hastiges Rauschen und Rascheln – die Nachtbuben rannten davon.
»Jesus Maria!« Entsetzt drückte die Frau den Kopf an ihres Mannes Brust. Jetzt konnte sie nicht anders, sie mußte laut weinen: daß man ihn so kränkte, ihn!
Er strich ihr über den Scheitel: »Bis still, Mariechen, bis still! Laß se schreien. Wer kann sich an so wat kehren!«
War er wirklich so ruhig, war er wirklich so besonnen, wollte er nicht hinter ihnen drein rennen, sie einholen, sehen, wer es gewesen war?! Sie hob den Kopf und forschte angstvoll in seinem Gesicht. Es war zu dunkel, sie konnte seine Züge nicht erkennen, sie fühlte nur seine Hand, eiskalt trotz der Hitze, schwer auf ihrem Scheitel liegen.
»Jeh nach oben, Mariechen, jeh! Kuck, wat die Nixnutze da anjericht haben!«
Er machte nicht Miene, mit ihr hinaufzusteigen in die Giebelstube. Sie zögerte; aber sein Ton wurde heftig: »Jeh, jeh!« Da ging sie; ungern nur ließ sie ihn hier unten allein.
Mit zitternden Händen schaffte sie oben Ordnung, bis auf die Betten waren die Glassplitter geflogen, Boden und Wände waren beschmutzt; die Buben hatten gut gezielt durch das im Mondschein spiegelnde Fenster. Sie kehrte und wischte, die Kniee bebten ihr, aber sie hätte die Magd nicht zu Hilfe rufen mögen. Gott sei Dank, daß die nach der anderen Seite heraus schlief! Wie sollte die sonst Respekt behalten, wenn sie so was mit angesehen hätte! Eine tiefe Scham kam über die Bürgermeisterin; sie konnte nichts sehen vor bitteren, gekränkten Tränen, die ihr unaufhaltsam über das heiße Gesicht rollten. Ach, ach, das waren keine Kinderstreiche mehr, keine Dummheiten, wie Bärtes sagte, das waren Niederträchtigkeiten! Wer hätte das je von den Heckenbroichern gedacht?! Ihr ganzes Leben war im Dorf verflossen – vierzig Jahre sind lang – und nie hatte sie in all dieser Zeit geglaubt, es könnte hier einer sein, der sie so kränke. Nicht sie – ach nein, es war ja nicht um ihrer selbst willen, daß ihr Tränen des Schmerzes, des Zornes und der Scham über das Gesicht liefen, es war um seinetwillen. Was er jetzt wohl machte? Was er wohl denken mochte so ganz allein bei sich?!