Was war das für ein Leid, was war das für eine Angst! Das Dorf lag geduckt wie unter einem dräuenden Alp. Alles atmete beklommen. Soviel gebetet war noch kaum worden zu Heckenbroich. Aber beklommener denn alle atmete Leykuhlen, er fühlte sich in tiefster Seele betroffen. Mariechen hatte viel zu reden, viel zu ermutigen: ›Mach dir nühst draus, Bärtes, laß sie doch reden! Wat kannst du dafür? Unser Herrjott schickt die Trockenheit und die Krankheit; wir müssen sie nehmen aus seiner Hand!‹ Aber heimlich kränkte sie sich: wie die Undankbaren ihren Mann verkannten! Und er hatte doch alles zu ihrem Besten getan! In heimlicher Sorge ging sie umher, und nachts tat sie, als ob sie schliefe; aber sie schlief nicht, sie horchte auf ihres Mannes rastloses Wälzen und unruhiges Atmen, und wußte dann nichts anderes zu tun, als inbrünstig bei sich zu beten. Gestern hatte jemand ganz laut draußen vor der Hecke auf den Bürgermeister geschimpft – wer war’s gewesen? Sie hatte es nicht sehen können – das war ja auch gleichgültig – wenn nur er, er es nicht gehört hatte!

Besorgte Blicke warf die Frau auf ihren Mann, der stundenlang jetzt in der Kanapee-Ecke saß, und sich die Zeitung so vorhielt, daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Es wollte ihr dünken, als sei das leichte Blatt zu schwer für seine starke Hand. Jesus Maria, wenn er wüßte, daß ihr, als sie zum grünen Klee gegangen war, die Kranken zu besuchen, ein Rudel Kinder nachgerannt war, erst mit schüchternem Gekicher, dann mit dreisterem Lachen, zuletzt mit ungezogenen Redensarten. Das waren freilich nur Kinder, unverständige Kinder, aber sie sprachen das nach, was die Erwachsenen sagten. Wenn es nur regnen wollte, endlich regnen, barmherzig, erquicklich, dann würden sie im Dorf auch einsichtiger werden, und ruhiger!

Die Bürgermeisterin kannte ihre Heckenbroicher gar nicht mehr wieder. Aber sie, die sonst mit ihrem Mann alles besprochen hatte, sagte ihm kein Wort davon. Er selber schwieg auch beharrlich. –

Es war eine Nacht, so drückend heiß, daß niemand Schlaf finden konnte. Hinter den Hecken brütete die Schwüle. Leykuhlen und seine Frau saßen noch unten in der Wohnstube beisammen; er saß in der einen Ecke des Kanapees, sie in der anderen. Die Lampe hatten sie nicht angezündet, selbst dies bißchen Licht war zuviel, man hatte nach all der Blendung des Tages eine Sehnsucht, fast eine Gier nach der Dunkelheit. Ach, daß doch Wolken hängen möchten, tief herab, und sich entladen mit Donner und Blitz! Und sei es ein Ungewitter mit heulendem Sturm, wenn nur Regen dabei war, erlösender Regen! Schwül genug war es.

Aber wie sie die Ohren auch spitzten, kein Rauschen war draußen vernehmbar auf den Blättern der Hecke, nicht einmal ein Tröpflein. Der Himmel war verschlossen. So ging es nun schon an die zwei Monate, es gab keinen Regen mehr. Die Welt mußte verdursten.

»Jesus Maria,« sagte die Frau plötzlich und neigte sich gegen den Mann, »hörste nühst, Bärtes? Wär et am End doch am Regnen?!«

Sie irrte sich. Jetzt war wohl ein Rauschen hörbar im Blattwerk der Hecke, aber so tat kein Regenguß. Das waren Hände, Arme, Füße, die sich durcharbeiteten durchs raschelnde Laubwerk, Körper, die sich durchwanden durchs dichte Gefüge. Von der Seite her brach es ans Haus heran.

Wenn jemand was wollte, warum ging er denn nicht vorne herum, offen und ehrlich durchs Heckentor?!

»Still, bis still, Mariechen,« sagte der Mann und legte der Frau die Hand auf den Mund. Sie hatte aufschreien wollen in plötzlichem Schreck.

Ein Stein war oben gegen das Giebelfenster gekracht das vom Mondschein hell beglänzt wie ein Auge über die Hecke lugte. Die Scheibe brach und klirrte. Und nun klatschte es dumpf. Sie warfen mit Kuhdung, mit Dreckfladen, mit allerlei Schmutz und Unrat; was sie gerade aufschnappten von Straße und Hof. Und ein Gequäk und Gekrächz erhob sich, ein Gewieher und Gegrunze, ein Gemauze und Geknauze, als sei die ganze Tierwelt lebendig geworden. Ein Hund bellte, eine Katze miaute, ein Ochse brüllte, ein Esel iate; es war eine Höllenmusik.