Bürgermeister Leykuhlen hatte immer ein gutes Ansehen in Heckenbroich und Umgebung genossen, aus der ganzen Gegend kam man zu ihm sich Rat holen, aus der Kreisstadt sowohl als aus dem entlegensten Venndorf. Aber nun war es doch noch anders geworden. Er war in den Augen der Leute noch gewachsen. Man hätte sich kaum mehr getraut, etwas zu tun, ohne ihn zu befragen; er war der Klügste und ein gottesfürchtiger Mann dazu. Die Mützen flogen von den Köpfen.
›Der König von Heckenbroich!‹ Das hatte der Tierarzt mit einem gewissen Spott aufgebracht, und andere sprachen es nach. Der Landrat nicht ohne Ärger. Da war er mit all seinem Eifer, mit all seinem guten Willen und seiner Betriebsamkeit, mit der Vielseitigkeit seiner Interessen nicht halb so weit gekommen, wie dieser Bauernbürgermeister mit seiner Einseitigkeit. Weiß Gott, wenn’s wieder zu den Wahlen kam, stellten sie ihn noch als Abgeordneten für den Kreis auf! »Da sei Gott vor!« schrie Dreiborn in einem Entsetzen, das so komisch war, daß seine Zuhörer lachten. Aber ihm selber war’s nicht komisch, ihm war ernst dabei zu Mut, traurig sogar. Er hatte doch auch das Land lieb, auf seine Weise. Wenn doch einer käme, der den Leuten ein Licht aufsteckte! So geriet man ja immer tiefer ins Mittelalter hinein! Er pustete und wurde rot und röter, wenn er von dem Bauernbürgermeister hören mußte; und doch konnte er dem Mann eine gewisse Anerkennung nicht versagen: der Pfaffenknecht tat auf seine Weise das Beste – aber eben auf seine Weise!
Leykuhlen hatte keine Ahnung davon, daß in der Kreisstadt viel über ihn gesprochen wurde. Das Te Deum, das er so ganz aus eigener Machtvollkommenheit nach Anbruch des großen Regens in der Kirche von Heckenbroich hatte singen lassen, konnte nicht unbesprochen bleiben. So etwas war noch nicht dagewesen. Aber nur wenigen war es ein ärgerlicher Anstoß, die meisten standen ihm voller Sympathie gegenüber.
Auch Heinrich Schmölder erzählte davon zu Hause. Ihm war es im Grunde ganz gleichgültig, er hatte den Kopf voll mit eigenen Angelegenheiten – sollte er Hedwigs Mitgift nicht lieber doch noch in Händen behalten und dem jungen Paar nur eine Rente geben? – aber Lenchen hatte so lange gespöttelt und gehetzt, bis auch er von ›Betbruder‹ sprach. Dem Gatten so wenig als möglich zu widersprechen, war einer der Grundsätze von Frau Schmölder; aber jetzt echauffierte sie sich doch: wie konnte Heinrich so etwas sagen?! Man hätte wirklich annehmen können, er wäre kein guter Christ, wenn man’s nicht besser wüßte. Und was sollte der Bräutigam davon denken, der mit am Tische saß?
Aber Scheffler lächelte nur verbindlich; er hatte kaum hingehört, was der Schwiegervater sagte, er tändelte mit der Braut. Hedwigs Hand in der seinen haltend, zog er ihr spielend den goldenen Reif vom Finger und schob ihn ihr wieder auf. Das war ihnen beiden sehr unterhaltsam.
Josef saß dabei und biß sich auf die Lippen; in seinem Gesicht vibrierte es nervös. Nun hielt er nicht mehr an sich; dies verliebte läppische Getändel alle und alle Tage mit anzusehen, das war zuviel. Gereizt fuhr er auf: »Leykuhlen ist durchaus kein Betbruder, und auch kein Pfaffenknecht, wie ihn gewisse Leute zu nennen belieben. Er ist ein Mann, ein ganzer Mann, der genau weiß, was er zu tun hat. Ich wollte, ich wäre so einer!«
»No, und wat dann?« fragte der Vetter mit seinem breiten Lächeln.
»Dann stünde ich auf und schöbe den Stuhl unter den Tisch: prost Mahlzeit,« stieß der andere heftig heraus. Er sprang auf. »Ihr habt ja gar keine Ahnung von Größe; keinen Schimmer! Wenn ihr nur eueren guten Tag lebt, damit basta. Aber der Mann da oben, der hat selbstlose Ideen. Der ist wohl auch der Berufene, der Einzige vielleicht, der geeignet ist, Kreis und Land zu vertreten. Klug, kräftig, männlich, geradezu, unerschrocken –«
»Und dazu noch en jute Portion Selbstbewußtsein,« setzte, halb tadelnd, halb anerkennend, der Fabrikant hinzu. »Kreisphysikus und Landrat können ein Lied davon singen. Haha!« Er amüsierte sich noch in der Erinnerung; er hatte gehört, wie Leykuhlen denen gegenübergetreten war.
Josef schob seinen Stuhl unter den Tisch. »Gesegnete Mahlzeit,« sagte er kurz. Seiner Cousine nickte er zu: »Dein Diner war sehr gut, Sophie, ausgezeichnet wie immer; danke. Aber ich äße lieber Brot und Kartoffeln oben auf der Fangeuse!« Und damit ging er zur Tür hinaus.