»Was hat er denn nun schon wieder?« fragte Frau Schmölder ganz erschrocken. »Rebhühner ißt er doch sonst so gern. Er war ja so ungemütlich!«

»Verrückt,« sagte Heinrich, zuckte die Achseln und lachte hinter dem Vetter drein. Er nahm Josef jetzt nur mehr komisch: was sollte er sich denn noch über den ärgern?!

Dann sprachen sie von etwas anderem. Es war so selbstverständlich, daß das junge Paar die neuen Reitpferde, die Egon sich als demnächstiger Hauptmann anschaffen würde, auch einfahren ließ. Nur in welcher Farbe der Wagen ausgeschlagen werden sollte, oder ob ein Selbstfahrer eleganter wäre, darüber war man sich noch nicht einig.

Josef stürmte hinaus. Er war ingrimmig, alles widerte ihn an; und doch sagte ihm der eigene Verstand, daß er eigentlich gar keine Berechtigung habe, so aufgebracht zu sein, kein Mensch hatte ihm ja etwas getan. Aber er konnte sein Gleichgewicht nicht wiederfinden, wie sehr er auch bergauf und bergab rannte. Wo sollte er hin? Einen Augenblick dachte er an Leykuhlen, Frau Mariechen hatte etwas so Beruhigendes; aber er schämte sich, dem Freund in dieser Verfassung unter die Augen zu treten. Bärtes war so ruhig, so gleichmäßig, ein so ganz in sich gefestigter Mensch; was sollte er wohl bei diesem, er, der heute noch, den Fünfzigen nicht allzu fern, wie einer von achtzehn war?!

Er spazierte ziellos umher den ganzen Nachmittag, lief in sich gekehrt, mit gerunzelter Stirn; schon war er todmüde, aber er mochte doch noch nicht zurückkehren. Endlich fand er sich, oberhalb der Au, am Fuß der großen Tanne, zwischen deren Wurzeln er einmal so sanft geruht hatte in einer Mondscheinnacht. Heute war noch Sommerabendsonne, die Landschaft nicht so traumhaft verklärt wie im Mondschein, auch nicht so poetisch; wirklicher, leibhaftiger, kräftiger in den Farben, aber doch auch schön und vor allem beruhigend. Die Stille tat ihm wohl. Seine Mißstimmung verlor sich im Anschauen der Landschaft. Dunkel, so dunkel der Tannenwald, saftgrün das Wiesental. Schon schwebte ein leiser, silberiger Duft über Grund und Hängen, der Hauch des Herbstes. Bald würden die wenigen Laubkronen, die zwischen den dunklen Tannen verstreut waren, sich rostbraun färben, und dann –?! Es packte ihn noch einmal wieder: Himmel, der Herbst so nahe, und noch einmal ein Winter da unten – entsetzlich! Er schüttelte sich.

Harte Tritte klapperten; der steinige Boden leitete den Schall weit. Da kamen sie herauf, die müden Arbeiterinnen, die, nun die Dampfpfeife gepfiffen und das Glöckchen oben im Türmchen der Fabrik gebimmelt hatte, matt und hungrig den Heimweg antraten. Arme Dinger! Er sah ihnen entgegen, wie sie den Fußpfad heraufstiegen, zu zweien und dreien nebeneinander die Breite des Pfades einnehmend; alle trugen ein Körbchen am Arm, alle neigten die glattgestrählten Köpfe nieder auf das Strickzeug, dessen grobe Nadeln in ihren Händen rasselten. Selbst jetzt noch fleißig! Er bewunderte sie. Sie sprachen mit einander, mitunter sagten auch ein paar das ›Gegrüßet seist du,‹ her. Als sie bei ihm vorüberkamen, sagte er ›Guten Abend‹. Sie stießen sich an und kicherten: der Herr, der da auf dem Boden lag und sie zuerst gegrüßt hatte, erregte ihre Heiterkeit. Sie beguckten ihn rasch von der Seite, und dann lachten sie noch im Weitergehen: der war ja närrisch!

Es war ihm peinlich. Warum lachten sie denn so? Dumme Dinger! Er sprang auf und kroch die Berglehne etwas höher hinan und lagerte sich dort hinter ein Brombeergestrüpp. Nun konnte er sehen, ohne selber gesehen zu werden. Ganz hübsche Mädchen, sahen nur alle älter aus, als sie wohl sein mochten! Der Schönheitskenner rümpfte die Nase. Aber da, da kam eine hintennach, die war wirklich noch hübsch, vollkommen hübsch! So taufrisch, gänzlich unberührt.

Es war Bäreb. Sie kam als allerletzte. Langsam, wie sehr müde, ging sie; ein großer Abstand blieb zwischen ihr und den übrigen Mädchen. Sie strickte auch nicht wie jene, sie betete auch nicht, obgleich sie die Hände vor sich gefaltet hielt. Ihr schwerer Blick starrte geradeaus, weit, weit weg in den dämmernden Abend.

»Hela!« Es reizte Josef, sie anzurufen.

Sie erschrak heftig. Als sie nach ihm hinsah, erkannte er sie: ah, dieses hübsche Mädchen war ja die Huesgen! Schon einmal hatte er sie so erschreckt, oben vor der Kirche – war er denn so schrecklich?! Schnell rutschte er den Hang hinunter und stand mit einem Scherzwort vor ihr. Sie sagte »Juten Abend«; er merkte, daß auch sie ihn erkannte, aber sie lächelte nicht. Ihr mattes Gelblich-weiß errötete nicht, sie sah an ihm vorbei mit einem verlorenen, traurigen Ausdruck.