»Och, Hähr?!« Sie hob den Kopf und sah ihn angstvoll-fragend, ungläubig an.
Er nickte lächelnd: »Ja, auf mein Wort!«
Einen Augenblick huschte es wie ein Hoffnungsschimmer erhellend über ihr Gesicht, dann wurde es wieder trüb. »Ich jlöw dat nit,« murmelte sie und ließ den Kopf wieder hängen. »Nee, nee!« In ausbrechendem Jammer, nicht mehr achtend, daß ein Herr, ein Fremder neben ihr saß, warf sie den Kopf wieder auf ihre Kniee und schluchzte aufs neue.
Was sollte er tun? Zu sagen war da nichts, er kannte ja auch nicht ihren Kummer; helfen konnte er auch nicht. Aber sie dauerte ihn so: armes, geplagtes Fabrikmädchen, gewiß hatte sie es auch noch schlecht zu Hause! Stumm legte er den Arm um ihre Schulter. Er fühlte ihre ganze Wärme. War das ein kräftiger junger Körper, trotz all der mageren Schlankheit. »Tröste dich!« Er drückte sie leicht.
Da richtete sie sich hastig auf. Jetzt erst ward sie sich ihrer Unschicklichkeit bewußt. Errötend, den Blick erschrocken niederschlagend, sprang sie auf die Füße. O, was sollte der Herr wohl von ihr denken?! Sie war ganz verwirrt.
Josef lächelte flüchtig: die Kleine sah so allerliebst aus in ihrer Beschämung. Aber dann wurde er ernst. Ein Gedanke war ihm plötzlich durch den Kopf geschossen, der sich seiner ganz und gar bemächtigte, wie ein brennender Wunsch. Wenn die mit ihm ginge! Sie schien ja unglücklich hier zu sein, vielleicht, daß sie gern auf die Fangeuse hinauf zöge?!
Es war nun ausgemachte Sache, daß Josef Schmölder die Fangeuse bezog. Heinrich Schmölder schüttelte den Kopf: was der Josef doch für einen Dusel bei den Weibern hatte, trotz seiner angegrauten Haare! Fand wahrhaftig eine, die mit ihm da hinaufzog, noch dazu eine, die blutjung war und die hübscheste von allen in der Fabrik! Na, wenn das nur gut ging! Aber dem Josef war ja nicht zu raten, der hörte ja doch nicht. Und er, Heinrich, hatte sich auch des Rechtes begeben, ein Veto einzulegen; hatte er nicht gesagt: wenn du eine Magd findest, dann zieh hinauf! Übrigens, für ihn selber war es ja auch ganz angenehm, wenn in den Jagdtagen ein so hübsches Mädchen ihm das Bett machte und den Kaffee kochte.
Josef rüstete in fieberhafter Ungeduld; der frühere Hüter der Fangeuse war zum August bereits abgezogen. Und nun färbten sich schon die einzelnen Laubbäume gelb, und Astern und Georginen blühten im Garten. Wenn man jetzt nicht eilte, entging einem der Herbst da oben, der köstliche Herbst mit seinen Nebelmorgen und den um so leuchtenderen Mittagen, mit seiner kristallenen Klarheit und dem lichten Himmel, der sich so leicht über die Erde spannt. Er lachte seine Cousine aus, die von wollenen Hemden sprach und eine ganze Ausrüstung für ihn zusammenstellte. Konserven aller Art, Würste, Schinken, Kolonialwaren wurden eingepackt. Wie zur Verproviantierung einer Festung. Die gute Sophie! Es war wirklich nett von ihr. Aber als ob man nicht jeden Augenblick herunterkommen könnte, wenn man etwas gebrauchte! Aber man würde nicht kommen.
Endlich war es erlangt, wonach er sich immer gesehnt hatte. Endlich würde er allein sein, endlich einmal ohne das Geschwätz des Alltags, das ihn nervös und traurig machte. Um ihn würde nur die Natur sein, die er so unendlich liebte, mit der man Zwiesprache halten kann wie mit der Geliebten, und die, je vertrauter man mit ihr wird, dem Glücklichen immer neue und immer noch größere Schönheiten offenbart. Josef war in einer gehobenen Stimmung, er pfiff und trällerte den ganzen Tag.