»Wie’n Liwerlink,«[23] sagte Heinrich mit Spott. Josef war froh, aber auch er war froh, der Josef war ihm öfter doch recht unbequem gewesen. Frau Schmölder aber war ganz betrübt, daß der Vetter hinaufzog, er war immer galant, viel galanter als Heinrich. »Du freust dich ja so, daß du von uns fortkommst,« sprach sie, nicht ohne Vorwurf im Ton.
Da faßte er sie um die Taille und schassierte mit ihr ein paar Mal durchs Zimmer, bis ihnen beiden der Atem ausging. »Sophie, nichts für ungut – haha – ja, Sophiechen, ich freue mich unbändig auf die Fangeuse!«
»Erkälte dich nur nicht, du weißt, du bist nicht der Stärkste. Es ist rauh im Venn – huh, ich möchte im Winter nicht da oben sein!«
Sie schauderte und sah ihn besorgt an. Es würde ja nun hier unten viel friedlicher sein, es war immer so peinlich, wenn Heinrich und Josef sich zankten; aber wenn er sich nur nichts holte da oben, sie sagten doch alle, das Venn sei nicht zum Spaßen!
Nein, es war auch nicht zum Spaßen. Aber zum Bewundern. Stumm saß Josef Schmölder auf dem Bock neben dem Kutscher, der ihn hinauffuhr. Die Schmöldersche Equipage war dazu nicht tauglich, man hatte zwei Arbeitspferde vor einen Karrenwagen aus der Fabrik gespannt. Wo sonst die Ballen und Lumpensäcke aufgestapelt waren, lagen jetzt die Koffer und Kisten und Körbe, und hintenauf saß Bäreb mit ihrer Lade und hielt noch ein Bündel auf dem Schoß.
Ihr Gesicht war ruhig und zufrieden. Die Mutter hatte zwar geweint beim Abschied und ihr noch viele Ermahnungen mitgegeben. Die Eltern hatten überhaupt anfänglich gar nichts davon wissen wollen, daß sie zu einem einzelnen Herrn zog, und der Herr Pastor war auch dagegen gewesen; aber Bäreb hatte es durchgesetzt. Ja, sie wollte fort! Gern! Es war ihr, als müßte sie fliehen vor Erinnerungen. Und war der Herr Josef denn nicht schon so ein alter Mann, zudem der Vetter vom Herrn Schmölder?! Bürgermeister und Bürgermeisterin hatten auch die Eltern beruhigt. Und Bäreb lachte: was sollte es ihr wohl da oben zu einsam sein? Ihr war es gerade recht, so einsam. Und verdienen tat sie ja bei dem Herrn ebensogut wie in der Fabrik, besser noch, denn sie kriegte ja auch Essen und Trinken. Da hatte denn niemand mehr etwas sagen können. Kathrinchen konnte zudem der Mutter das Nötigste helfen – ach, und der Dores war ja nicht mehr da!
So stieg Bäreb wohlgemut auf den Wagen, der vor der Hecke der Eltern hielt. Auch bei Leykuhlens hatte Josef noch halten lassen. Der Bürgermeister aber war gestern nach Mariawald gegangen; das tat er alle Jahr vor Winters, um bei den frommen Brüdern im Trappistenkloster zu beichten. Die Bürgermeisterin versprach, daß Bärtes bald hinauf kommen würde, den Herrn Josef besuchen. »Aber werden Sie et da auch aushalten können?« fragte sie. »Bald kömmt der Schnee!«
Da lachte er sie aus.
Und jetzt saß er und staunte mit großen Augen. So hatte er das Venn noch nicht gesehen. So doch noch nicht! Immer nur war er nicht weit über Heckenbroich hinausgekommen. Jetzt aber breitete sich die Moorfläche in ihrer ganzen Unabsehbarkeit aus; vor ihm, hinter ihm, rechts und links. Das letzte Haus, was sie sahen, war das der Strafkolonie; nun verschwand es auch hinter einer Erdwelle. Das rote, im klaren Herbstlicht weithin leuchtende Dach war plötzlich weg, als sei es gar nicht da. Immer frischer wurde die Luft; Winde standen auf einmal auf aus der bräunlichen Heide, warfen den Pferden die Mähnen durcheinander und bliesen den Menschen ins Gesicht.
»Et is als kalt hie oben, Herr Schmölder,« sagte der Kutscher.