[23] Lerche.

XIII

Nun war Josef Schmölder schon vierzehn Tage oben auf der Fangeuse, und noch keine Stunde war ihm sein Entschluß leid geworden. Die erste Nacht freilich hatte er nicht schlafen können, er hatte wach gelegen in einer aufgeregten Neugier: was würde ihm die Nacht offenbaren? Wie ein Geheimnis schien es ihm in der Stille zu lasten. War das still, grabesstill hier! Eine tiefe, tiefe Ruh. In ihr mußte man selber zur Ruhe kommen; die Seele mußte sich glätten wie ein stiller Bergsee, um den die schützenden Wände von Alpen stehen, den kein Windzug mehr kräuseln kann. Er setzte sich im Bette auf und lauschte den Stimmen der Nacht.

In der Hecke, die das Haus völlig umgab, flüsterten die Winde; horchte man angestrengt, so konnte man auch das Rauschen der Tannen hören. Schwarz und hoch umstanden sie den kleinen Wiesenplan, auf dem die Fangeuse sich hinter die Hecke duckte. Hier war man wahrhaftig geschieden von aller Welt, hier konnte nichts, gar nichts von außen heran; man war hoch über all dem kleinen Getriebe.

Mit einem großen Wohlgefallen blieb Josef wach. Sonst war er ungeduldig, schier verzweifelt, wenn er nicht schlafen konnte, heute wachte er gern. Er malte sich das Leben hier aus, so schön, daß er selber kaum daran glauben konnte. Alle Tage in Frieden, kein Genörgel von Heinrich – die paar Tage, die er zur Jagd heraufkommen wollte, würden sich schon überstehen lassen – gar nichts von dem Spießbürgertum der kleinen Stadt, von den alltäglichen Sorgen und Besorgungen der Hausfrauen, die die gute Sophie so gern umständlich besprach. Hier war er all das los. Die Bäreb würde ihn nicht weiter stören. Mochte sie machen, was sie wollte! Sie hatte ihm zwar am Abend eine Suppe vorgesetzt, vor der ihm noch grauste; aber er hatte sich mit Brot und Schinken begnügt und die Suppe verstohlen zum Fensterchen hinaus zwischen die Hecke gegossen. Er wollte sie doch nicht kränken. Mochten die Mäuse des Feldes und die Raben, die, seit wieder Menschen eingezogen waren, über der Fangeuse lauerten, sich die Brocken herausholen!

Bäreb hatte sich augenscheinlich gefreut, daß er so viel von ihrer Suppe gegessen hatte. Sie schaffte voller Freudigkeit im Haus. Kaum, daß sie vom Wagen gestiegen waren und der Knecht die verschlossene Haustür und die verrammelten Läden geöffnet und all das Gepäck abgeladen hatte, hatte sie in der Küche ein Feuer angezündet, Wasser vom Brunnen herangeschleppt, das Kleid geschürzt, die Ärmel aufgestreift und angefangen zu scheuern. Die Möbel standen alle an ihrem Platz, aber dicker Staub lag auf ihnen; die Fensterchen waren blind, nicht zum Durchsehen. Der Kutscher hatte ihr bei der Arbeit geholfen, und während die beiden so schafften, war Josef hinausgegangen und hatte sein Reich umkreist in immer weiteren Kreisen. Er konnte sich nicht satt sehen an dem blauen Duft der Ferne, in dem tief unten, meilen- und abermals meilenweit, weit jenseits der Grenze, die belgischen Städte und Städtchen auftauchten, wie weiße Flecke, beglänzt vom Sonnenschein. Alle sah er sie, und sie sahen ihn doch nicht.

Als er endlich zurückkehrte ins Haus, war der Kutscher fort. Das war ihm gerade recht, er wollte kein Alltagsgesicht mehr hier sehen; er hatte Feiertag gemacht. In der Stube prasselte ein Reisigfeuer, träumend saß er davor und sah die Funken springen.

So hatte er den ersten Abend hingebracht; er wußte nicht, daß es schon fast Mitternacht war, als er endlich zu Bett ging. Noch immer schaffte die fleißige Bäreb. Sie schlief dann aber auch gut. Die Zwischenwände im Haus waren nur dünn, er hatte ihre tiefen, ruhigen Atemzüge gehört.

Und die hörte er jetzt alle Nacht. Sie mischten sich mit dem Rauschen der Tannen, mit dem Säuseln in der Hecke; er hätte nicht ruhen können, hätte er sie nicht mehr gehört. Am Tage wurde er wenig von dem Mädchen gewahr. Er war immer draußen; die Tage waren so schön, herbstlich klar und doch noch so warm hier oben, weil die Sonne hier am frühesten kam und am spätesten ging. Wenn unten die Schatten schon düsterten, war sein Wiesenplan noch golden beglänzt; er bedauerte alle, die da unten hausen mußten. Aber lagern konnte man nicht mehr draußen, die Wiese war Moorgrund und blieb tief innen feucht trotz aller Bestrahlung. Er hatte es Bäreb anfänglich nicht geglaubt; er hatte sich hingelagert, zwar auf seinem Plaid, aber der hatte doch nicht verhindern können, daß er Schnupfen bekam und Reißen in allen Gliedern. Doch diese Stunden, auf dem derb-duftenden Wiesenplan in der Sonnenflut verdämmert, waren es wert gewesen.

»Ihr müßt ens schwitze, ich will Uech ’ne Tee holle jonn,« sagte Bäreb, als er nieste und sich mit einem ›Au!‹ den schmerzenden Rücken hielt.