Das war das erste, was ihn hier oben verstimmte. So alt war er denn doch nicht, daß sie ihm Tee zum Schwitzen kochen mußte! Oder ergriff sie die Gelegenheit gern, um herunterzukommen, war’s ihr schon zu langweilig hier oben bei ihm? Er fragte es in gereiztem Ton.

Sie sah ihn groß an: warum sollte sie nicht gern hier oben sein? Es ging ihr ja gut!

War es ihr denn nicht zu einsam?

Einsam?! Sie sah ihn wieder verständnislos an, und dann lachte sie: »Mir sein dat jo jewent. Un Ihr seid jo ooch do!«

Das versöhnte ihn. Aber er nahm sich doch vor, sich etwas mehr um sie zu kümmern, mehr mit ihr zu sprechen als das Allernotwendigste. Sie war so jung, immer allein – wer weiß, sie konnte doch Heimweh bekommen! Oder am Ende bändelte sie aus langer Weile mit einem der Grenzjäger an, die zuweilen hier vorüberstrichen.

So kam es, daß, als die Abende so früh herabsanken, daß sie lang erschienen, Bäreb beim Herrn in der Stube saß.

Sie hatte es anfänglich nicht gewollt, in der Küche gefiel es ihr sehr gut. Aber nachdem sie ihre Scham überwunden hatte, erschien sie jetzt jeden Abend mit ihrem Strickzeug und setzte sich auf die Bank unterm Fenster.

Er las. Zweimal die Woche brachte der Landbriefträger Zeitungen. Es war eigentlich rührend von Sophie, daß sie die für ihn sammelte und dann einen ganzen Packen heraufschickte! Aber er wollte ja gar nichts wissen von der Welt. Und doch griff er aus Gewohnheit danach. Wenn er glaubte, etwas gefunden zu haben, was auch Bäreb interessieren konnte, las er es laut; sie saß ganz still, aber bald merkte er, daß sie doch nicht zuhörte. Und an einem Abend schlief sie über seinem Lesen ein. Fast freute er sich darüber: ja ja, sie sollte lieber ganz so bleiben, wie sie war, das war ihr größter Reiz! –

In den Wochen, die er nun schon oben wohnte, hatte Josef außer mit Bäreb nur noch mit Bräuer gesprochen. Auf einer weiten Streiferei war er bis in die Nähe der Kolonie gekommen; sein altes Interesse für die Sträflinge erwachte wieder. Die gehörten ja nicht zur Welt, die standen jenseits. Er sah ihnen lange zu. Sie beachteten ihn nicht; selten, daß einer oder der andere sich aus seiner gebückten Haltung aufrichtete, die heruntergerutschte Hose mit beiden Händen heraufzog und so ein paar Minuten, umflattert von den Fetzen des Kittels, stehen blieb und nach ihm hinblickte. Wie die Scheuchen sahen die Kerle aus! Ob sie denn nicht bald wärmere Kleidung bekamen?

Besonders der eine, ein schwächlicher Mensch mit käsigem Gesicht, mit abstehenden Ohren unter kurzgeschorenen rötlichen Stoppeln, schien einer wärmeren Jacke bedürftig. Er fiel Josef auf. Wie heiser der Mensch hüstelte! Aber Bräuer wollte nichts von wärmerer Kleidung wissen. Es war ja noch gutes Wetter, wie sollten sie denn den Winter hinbringen, wenn man sie jetzt schon verzärtelte?! Er war überhaupt abweisend. War das noch derselbe Mann, mit dem er im Frühjahr so eingehend über die Gefangenen und das Kolonisationswerk gesprochen hatte? Jetzt schien er verdrossen.