Fast feindlich blickte er, als Josef es wagte, ihn zu fragen: »Sie sind wohl nicht gern mehr hier?«
»Sein Sie erst en Zeitlang hier, dann fragen Sie nit mehr so dumm!« Und dann schrie er übers Venn, daß es hallte: »He, halt, wohin will denn der Rotfuchs? Zusammenjeblieben! Hier wird sich nit von der Arbeit jedrückt! Verfluchtes Luder, fauler Schlingel!«
Der blasse Mensch mit den roten Haaren fuhr erschrocken zusammen; er hatte sich ein wenig von den anderen entfernt. Hatte er sich davonmachen wollen? Jetzt kam er wieder angetrottet, den Kopf gesenkt, und nahm die Arbeit wieder auf.
Sie schaufelten tiefe Gräben aus, in denen man sie kaum sehen konnte, wenn sie darin standen; es sollten Drainröhren hineinkommen noch diesen Herbst. Die Arbeit eilte.
Als Josef nach Haus spazierte, fröstelte ihn. Der Wind schnob schon kräftig, obgleich die Sonne noch warm war. Überall im Venngras blickte es rot von den korallenen Träubchen der Preißelbeeren, in dichten Gebinden, Büschelchen bei Büschelchen, faßten sie alle die Rinnsale und Rinnsälchen ein, die jetzt reichlich sickerten. Der ganze Grund war naß, man mußte sich hüten, den schmalen Pfad zu verfehlen; ein Tritt daneben und man sank knöcheltief. Josef mußte ab und zu einen Anlauf nehmen und eine Lache überspringen; dann schwankte der Boden jedesmal unter ihm, die tiefen Tappen, die sein Tritt machte, füllten sich rasch mit Wasser. Hätte er den Umweg der Fahrstraße nicht gescheut, er wäre bequemer gegangen, aber es reizte ihn, das Venn zu durchqueren. So lief man geradewegs auf die Fangeuse zu und auf die Grenze. Die Sträflinge hatten es doch eigentlich recht bequem, eine halbe Stunde hinter der Fangeuse, und man war überm Grenzfluß. Aber man hatte noch von keinem Fluchtversuch gehört. Ja, Bräuer war wohl der Mann, sie zu hüten. Aber ein harter Mensch, ein grausamer Mensch. Wie er den armen blassen Kerl angeschrieen hatte!
Ein Gefühl der Trauer beschlich den einsam Wandernden. Hier war nun die Natur, rein, groß, unverfälscht – noch ganz Natur – nichts von dem kleinlichen Gewese der Menschen, nicht ihre Wohnstätten mit Rauch und Geschrei. Eine Stille, hehr, überwältigend, fast erdrückend in ihrer Majestät. So mußte die Erde gewesen sein, als es hieß: ›Sie war wüst und leer‹, und als Gott sprach: ›Es werde Licht!‹ Und doch war auch hier schon vom Leid der Menschheit hergedrungen! Josef konnte die Jammergestalt des Sträflings nicht vergessen.
Naß, müde, etwas verstimmt kam er auf der Fangeuse an. Er traf Bäreb vor der Tür. Sie hatte Preißelbeeren gesammelt, einen mächtigen Steintopf voll; nun saß sie außen an der Hecke und verlas sie. Den schwarzen Kopf hielt sie emsig über das leuchtende Rot in ihrem Schoß geneigt; eine weiße Katze, die sich halb verhungert im Holzstall vorgefunden hatte, rieb sich schnurrend an ihrem Ärmel.
Josef stand unter den Tannen und betrachtete sie verstohlen eine lange Weile. Halblaut sang sie vor sich hin. Sie hatte nicht dieselbe Stimme wie Kathrinchen – unwillkürlich mußte Josef der leichten, hohen Kinderstimme gedenken, die er in Leykuhlens Flur gehört hatte – der Erwachsenen Stimme war rauher, tiefer, aber es war trotzdem etwas darin, was an des Kindes Stimme erinnerte. Sie war ja auch noch ein Kind, ein unschuldiges Kind! Er betrachtete sie mit Wohlgefallen, und sein Gesicht erhellte sich.
Seine Stimme klang heiter, als er sie anrief: »He, Bäreb!«
»Seid Ihr et?« Sie lächelte, ohne zu erschrecken, und ohne den über die Beeren geneigten Kopf zu heben. »Joht als erein!«